Heiko Maas

Corona, EU-Ratspräsidentschaft, Reisewarnungen - der deutsche Außenminister Heiko Maas hat viel zu tun. Vor allem wenn es darum geht, Staaten zusammen zu führen. Das heißt: viele Video-Konferenzen statt Urlaubsplanung.

Als Heiko Maas zum Interview ins ARD-Hauptstadtstudio kommt, gibt es zur Begrüßung einen Ellenbogencheck. Der Minister schätzt persönliche Begegnungen. Dass viele Treffen in den letzten Monaten durch Videokonferenzen ersetzt wurden und er selbst monatelang gar nicht gereist ist, ist ein Problem für den Außenminister. In andere Länder zu reisen, Amtskollegen persönlich zu treffen, ganz andere Beziehungen zu ihnen aufbauen zu können, sei schon etwas anderes: "als den ganzen Tag vor so einem Bildschirm zu sitzen, auf dem dann 32 Kacheln sind." Das sei eine neue Form der Kommunikation: "Ich glaube einiges davon wird man in der Nach-Corona-Zeit beibehalten können, weil es einfacher ist, sich zusammenschalten zu können. Aber Außenpolitik lebt von Vertrauen. Und Vertrauen wird gebildet, wenn Menschen sich treffen."

Heiko Maas, Isabel Reifenrath

Heiko Maas steht ein arbeitsreicher Monat bevor. Am 1. Juli beginnt nicht nur die deutsche EU-Ratspräsidentschaft, Deutschland übernimmt für den Monat Juli auch die Präsidentschaft im UN-Sicherheitsrat. Einige Sitzungen wird Maas persönlich leiten müssen. Obwohl er nach dem Höhepunkt der Corona-Pandemie selbst urlaubsreif wäre: "Da geht es mir nicht anders als vielen in Deutschland", so der Minister. Doch an Urlaub ist erstmal nicht zu denken.

Ballermann wird es dieses Jahr nicht geben

Sein Ministerium hat im Frühjahr fast eine Viertelmillion Menschen aus dem Ausland zurück nach Deutschland geholt. So etwas hat es in der Geschichte des Auswärtigen Amts noch nicht gegeben, sagt Maas. Viele sind trotz Reisewarnung noch ins Ausland gefahren, Schelte gab es aber keine: "Wir hatten nicht die Zeit, uns mit jeder einzelnen Reise und der Frage, ob die noch hätte stattfinden müssen, auseinander zu setzen. Wir haben vieles, über das man mal reden sollte, hintangestellt."  

Eine  vergleichbare Rückholaktion wird es so schnell jedenfalls nicht mehr geben. Findet er es nicht seltsam, dass immer noch Reisende im Ausland festsitzen, gleichzeitig aber bereits wieder Touristen nach Mallorca fliegen? Nein, sagt Heiko Maas: "den Ballermann, den man aus der Vergangenheit kennt, wird es in diesem Jahr wohl sicherlich nicht geben." Die Spanier hätten sehr unter Corona gelitten, und deshalb sei er sicher, dass sie sehr genau darauf achten werden, dass bestehende Regeln eingehalten werden. "Das wird nicht nur in Spanien so sein oder in Italien, das wird überall so sein, und deshalb muss sich jeder darauf einstellen, dass der Urlaub, den man diesen Sommer haben wird, anders sein wird als der, den man aus der Vergangenheit kennt."

Keine Corona-Präsidentschaft im EU-Rat

Corona hat auch die deutsche EU-Ratspräsidentschaft auf den Kopf gestellt, sagt Maas in hr-info: "Corona haben wir so nicht geplant, das stand nicht in unserem Programm." Corona werde den Rat mit einer neuen Agenda auch sehr beschäftigen: "aber es soll nicht nur eine Corona-Präsidentschaft werden", so Maas. Es sei vom EU-Haushalt bis zur Migrationspolitik viel liegengeblieben. Der Brexit müsse unter Dach und Fach gebracht werden und Zukunftsthemen wie Digitalisierung und Green Deal müssten vorangetrieben werden. Die Erwartungen an Deutschland sind hoch – und das weiß der Minister.

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Es kann nicht sein, dass die Reichen sich den Impfstoff leisten können und die Armen in die Röhre gucken.
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Nach dem anfänglichen 'Jeder für sich' muss die Europäische Union jetzt auch wieder zum 'Wir' zurückfinden. Da ist der Corona-Impfstoff die nächste Bewährungsprobe. Wird die Verteilung zu Konflikten führen? "Ich hoffe nicht, weil wir uns vor allem innerhalb der Europäischen Union darauf verständig haben, und zwar zwischen allen Mitgliedsstaaten, dass sowohl Medikamente, als auch ein Impfstoff für alle zugänglich sein sollen", stellt Maas klar. Mit 'alle' sind ausdrücklich auch Länder gemeint, die nicht den gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung haben wie die Europäer, betont Maas.

Es könne nicht sein, "dass die Reichen sich das leisten können und die Armen in die Röhre gucken." Das sei wichtig, damit die Weltgemeinschaft glaubwürdig bleibe: "Ich finde es gut, dass sich die Europäische Union zusammentut und viel Geld auf den Tisch legt, um zusammen daran zu arbeiten, einen Impfstoff oder Medikamente zu entwickeln und natürlich müssen alle in der europäischen Union davon profitieren, aber ich finde, ein Impfstoff muss auch ein global verfügbares Gut werden", denn die Pandemie mache eben nicht an Grenzen halt. Maas stellt sich eine europäischen Massenproduktion des Impfstoffs vor, "die für Europa reicht, aber eben auch darüber hinaus."

Weitere Informationen

Das Interview führte Isabel Reifenrath, Korrespondentin im ARD-Hauptstadtstudio

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 19.06.2020, 19:35 Uhr

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