Junge Frau mit braunen langen Haaren steht vor orangenem Hintergrund

Wirtschaftskrise, Hunger und kein Geld für das Nötigste - die Nachrichten, die Hila Limar im Moment von Angehörigen und Freunden aus Afghanistan bekommt, sind bedrückend. Doch sie macht mit ihrem kleinen Verein „Visions for Children“ weiter und unterstützt Schulkinder und vor allem auch Mädchen und junge Frauen im Land. Ein Gespräch über kleine Schritte, positive Überraschungen und die Frage, wie man eigentlich mit den Taliban verhandelt.

Rund drei Monate sind vergangen seit dem Abzug der NATO-Truppen und der Machtübernahme der radikal-islamischen Taliban in Afghanistan. Zuerst hatte Hila Limar das Gefühl, "unsere Arbeit und alles, was wir die letzten 15 Jahren geschaffen haben, geht grade zunichte." Doch so leicht lässt sie sich nicht unterkriegen. Mit ihrer Hamburger Organisation "Visions for Children" unterstützt die 35-jährige Architektin Bildungs- und Schulprojekte vor allem in Afghanistan.

Hila Limar ist selbst in Kabul geboren und kam 1990 als kleines Mädchen mit ihrer Familie nach Deutschland. Aufgrund ihrer eigenen Fluchtbiografie weiß sie, wie wichtig es für Kinder und vor allem auch für Mädchen ist, dass sie zur Schule gehen und später studieren oder eine Ausbildung machen können.

Leben von Mädchen und Frauen oft eingeschränkt

Zunächst mussten alle Projekte des Vereins eingefroren werden, erzählt sie, aber zu ihrer eigenen Überraschung konnte die Arbeit dann bald weitergehen. Die Organisation baut neue Klassenräume in einer Grundschule in Kabul, die Jungen und Mädchen gleichermaßen besuchen dürfen. Die Lehrerinnen würden wieder unterrichten und die Bauarbeiten würden fortgesetzt, erzählt Hila Limar. Das seien zwar positive Entwicklungen und kleine Lichtblicke, "aber ich würde nicht sagen, dass sich die Verhältnisse auf irgendeine Weise verbessert haben, im Gegenteil", sagt sie. Aufgrund der wirtschaftlichen und humanitären Krise rutsche das Land "in eine wirkliche Katastrophe." Der Staat sei im Moment mittellos und könne keine Gehälter zahlen, viele Menschen würden ihren Hausrat auflösen und verkaufen, um an Bargeld zu kommen und sich damit Lebensmittel zu besorgen. Das Leben der Mädchen und Frauen sei ohnehin vielerorts eingeschränkt.

Audiobeitrag

Podcast

"Kleine Schritte" - Hila Limar (Visions for Children) über ihre Arbeit in Afghanistan

Junge Frau mit braunen langen Haaren steht vor orangenem Hintergrund
Ende des Audiobeitrags

Gemeinsam mit ihrer Schwester Wana Limar, die in Deutschland als MTV-Moderatorin bekannt wurde und Botschafterin von "Visions for Children" ist, versucht Hila Limar jungen Frauen nun auch eine Ausbildung in Kabul zu ermöglichen. Dazu haben die Limar-Schwestern mit dem Schmucklabel Sevar ein Social Business gestartet und verkaufen in Afghanistan hergestellten Schmuck in Deutschland. Ab dem kommenden Frühjahr sollen Frauen in einer Werkstatt zu Schmuckherstellerinnen ausgebildet und später übernommen werden.  

Gespräche mit den Taliban

Allerdings ist im Augenblick nicht klar, ob die neuen Machthaber das überhaupt erlauben werden. "Dadurch, dass die Taliban keine homogene Gruppe sind, herrschen sehr unterschiedliche Regelungen im ganzen Land", erzählt Hila Limar. Falls sie ihre Pläne in Kabul nicht realisieren können, würden sie es in einer anderen, liberaleren Provinz versuchen. Und für den Fall, dass Frauen eine derartige handwerkliche Ausbildung nicht erlaubt sein sollte, haben Hila und Wana Limar auch schon einen Plan B: Sie wollen dann junge Männer in dem Beruf anlernen, denn auch die würden extrem unter der Wirtschaftskrise leiden und müssten als Söhne aber zum Teil ihre Familien ernähren.

Im Interview mit Hila Limar wird klar: Trotz aller Widrigkeiten möchte sie unbedingt etwas tun für die Menschen in Afghanistan, auch wenn es nicht einfach wird, mit der neuen Taliban-Regierung zu verhandeln. "Es ist unglaublich schwierig, man geht hier sehr kleine Schritte", sagt sie, aber um eine Genehmigung für das Ausbildungsprojekt zu bekommen, müsse man mit den Taliban reden. Sie habe zwar bisher noch keine Gespräche mit ihnen geführt, aber "andere Frauen aus anderen ausländischen Organisationen wurden tatsächlich empfangen und auch recht ernst genommen. Hier heißt es abwarten."

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen