Inger-Maria Mahlke raucht eine Zigarette im Hof.
Inger-Maria Mahlke hat einen ganz besonderen Roman geschrieben. Bild © Dagmar Morath

Der Roman "Archipel" von Inger-Maria Mahlke ist der deutschsprachige Roman des Jahres 2018. Im Interview spricht die Autorin einen Tag nach der Preisverleihung über Glücksgefühle, Wertschätzung und den Unterschied zwischen Büchern und Joghurt.

Erschöpft, aber glücklich – so wirkt Inger-Maria Mahlke, als sie ins hr-iNFO-Studio kommt. "Keine Fotos, ich bin noch nicht geschminkt", sagt die 41-Jährige, lacht und lässt sich auf den Studiosessel fallen. Wie fühlt sich das für sie an, den "Roman des Jahres 2018" geschrieben zu haben? "Ich bin sehr glücklich, immer noch überfordert, aber sehr glücklich. Das bricht dann doch so über einen hinein, dass man Probleme hat, das zu realisieren, das ist ja erst mal total abstrakt. Aber ich bin wirklich glücklich und mittlerweile ist es auch so ein bisschen angekommen." Und wieder ein Lächeln im Gesicht der Autorin, die trotz kurzer Nacht so jugendlich aussieht an diesem Morgen.

Mit ihrem vierten Roman hat die gebürtige Hamburgerin den Deutschen Buchpreis gewonnen. Die Tage danach sind für Mahlke Tage voll mit Terminen und Interviews. Es sind aber auch die Tage, um Danke zu sagen. Schon in ihrer kurzen Rede bei der Preisverleihung dankt sie Barbara Laugwitz und schenkt ihr so einen langen Applaus. Laugwitz war ihre Verlegerin beim Rowohlt Verlag, jetzt ist sie entlassen worden. Das hatte für einigen Unmut bei den Autorinnen und Autoren gesorgt. "Ich möchte allen Danke sagen, die wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Büchern und Joghurt!"

Audiobeitrag

Podcast

zum Artikel Inger-Maria Mahlke - Gewinnerin des Deutschen Buchpreises

Ende des Audiobeitrags

Kleinerer Markt, härterer Wettbewerb

Inger-Maria Mahlke wünscht sich mehr Wertschätzung für die schöpferische Leistung von Schriftstellern, ein Verständnis dafür, was Autoren brauchen, um kreativ zu werden. Und das vor allem jetzt, wo immer weniger Menschen lesen und der Markt kleiner, der Wettbewerb härter wird. "Gerade im Zuge von solchen Prozessen wird gerne vergessen: Was ist das eigentlich für ein Produkt? Und dass es doch um Kunst geht und nicht um etwas, was nur unterhalten soll oder ein Produkt ist wie jedes andere", so die Buchpreisträgerin.

Weitere Informationen

Buchtipp

"Archipel"
Von Inger-Maria Mahlke
Rowohlt
ISBN-13: 978-3498042240

Ende der weiteren Informationen

"Archipel", der ausgezeichnete Roman von Mahlke, ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Das Buch erzählt die Geschichte dreier Familien auf Teneriffa. Der Roman führt über die weite Strecke von fast einem Jahrhundert, immer vor dem Hintergrund politischer und wirtschaftlicher Umbrüche, die Europa, Spanien und eben auch die Insel treffen.

Die Geschichte rückwärts

Da ist der Bürgerkrieg, die Franco-Ära, da sind die Probleme, die der Massentourismus auf die Insel bringt, oder die Wirtschaftskrise, aus der sich Spanien erst jetzt so langsam wieder herausarbeitet. Und da ist das, was das Buch zu etwas ganz Besonderen macht: Es beginnt 2015 und führt zurück ins Jahr 1919. Es erzählt die Geschichte rückwärts. 

"Erinnerungen verfälschen Dinge, die geschehen sind. Schlicht und ergreifend, weil wir versuchen, das aktuelle Bild, das wir von uns haben, zu bestätigen, und entfernen in der Erinnerung alles, was dem zuwider läuft. Wir glätten das in der Erinnerung, machen Sachen passend. Und ich denke, dabei geht viel verloren", erklärt Mahlke. Das Rückwärtserzählen sei der Versuch, das freizulegen. "Dass es viele verschiedene Stücke sind, die nicht immer zueinander passen, aber sich zufällig ergeben haben. Und das Zufällige daran möchte ich herausarbeiten." Das macht es für die Leser nicht einfach.

Videobeitrag
hs

Video

zum hessenschau.de Video Deutscher Buchpreis für Inger-Maria Mahlke

Ende des Videobeitrags

Ein Buch mit zwei Leben

In den ersten Kapiteln fehlen viele Zusammenhänge, die erst dann richtig verständlich werden, wenn die Geschichte weiter in die Vergangenheit reist. Das gilt für den ganzen Roman und macht ihn aus Sicht der Autorin zu einem Text, den man gut zweimal lesen kann: "Wenn man den Anfang –  2015 – nach der Lektüre des gesamten Buches noch mal liest, liest man tatsächlich noch mal einen neuen Text. Dadurch, dass viele Bilder auf einmal aufgehen und man auf einmal versteht, wie jedes Detail irgendwo hingekommen ist, ist der Anfang im zweiten Durchlauf noch mal ein neues Buch."

Ein Buch mit zwei Leben, rückwärts erzählt. Eine Geschichte, die selbstbewusst in Kauf nimmt, dass der klassische Spannungsaufbau – das "Oh Gott, wie geht das jetzt aus?" – in dieser Richtung nicht funktioniert. Geschrieben von einer Autorin, die das Risiko eingeht, "dass es für Einige zu schwierig, zu kompliziert wird oder man zu viel nachdenken muss beim Lesen. Das wollte ich aber in Kauf nehmen."

Weitere Informationen

Das Interview...

...in der Übersicht.
...als Podcast.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO, 09.10.2018, 19.35 Uhr

Jetzt im Programm