Die Autorin und ehemalige Rektorin Ingrid König
Ingrid König hat jahrzentelang an einer Grundschule in Frankfurt-Griesheim gearbeitet. Bild © M. Dolovac

Ingrid König war jahrzehntelang Rektorin einer Grundschule in Frankfurt-Griesheim. Bevor sie in Rente ging, hat sie ein Buch über Probleme mit Kindern aus Migrationsfamilien geschrieben. Die hätten in den vergangenen Jahren nämlich immer mehr zugenommen.

Ingrid König ist es gewohnt, mit Kindern zu arbeiten, die einen Migrationshintergrund haben. Als Grundschulrektorin im Frankfurter Stadtteil Griesheim gehört das dazu. In den vergangenen Jahren sei es aber zunehmend schwieriger geworden, diesen Kindern etwas beizubringen. Das liege vor allem an deren Eltern. "Dass Eltern die deutsche Sprache nicht können, ist kein Hindernis, um den Kindern die Sprache beizubringen. Damit arbeite ich seit 40 Jahren", sagt sie im Gespräch mit hr-iNFO. "Aber wir haben Eltern, für die Schule ohne Bedeutung ist. Sie schicken das Kind hin, weil sie das müssen."

"Die Kinder haben hier kein Zuhause"

Bevor König in Rente gegangen ist, hat sie ein Buch geschrieben. "Schule vor dem Kollaps" ist eine Bestandsaufnahme, ein Weckruf und eine Anleitung dafür, was der Staat ihrer Meinung nach machen muss, um die Lage an Schulen wieder in den Griff zu bekommen. Das größte Problem benennt König im hr-iNFO-Interview klar: "Ich sehe keine Integration mehr." Deshalb habe sie das Buch geschrieben. Ohne einen Kommentar wollte sie nicht in Pension gehen.

Das Buchvocer von "Schule vor dem Kollaps"
Bild © Penguin Verlag

"Ich dachte, die Kinder leben gerne hier und werden die Gesellschaft irgendwann mitgestalten. Dann habe ich gemerkt, dass die Kinder hier gar kein Zuhause haben. Das ist irgendwann passiert – und ich weiß nicht, warum", erzählt König. Die Schule sei zwar bemüht, das Miteinander zu fördern, bei den Schülerinnen und Schülern komme das aber nur selten an: "Afghanen wollen unter Afghanen bleiben, Türken unter Türken und Marokkaner unter Marokkanern", so König.

Wenn die Eltern nicht zahlen können, passiert nichts

Es sei nicht ungewöhnlich, dass Kinder im Sommer in ihre Heimatländer verschwinden und erst lange nach Ende der Ferien, im September oder im Oktober, wiederkommen. "Und dann habe ich ein Kind, das kein Deutsch mehr spricht", sagt König. Das verstoße zwar gegen die Schulpflicht und man könne die Eltern anzeigen, das bringe aber meist nichts. "Wenn die Eltern sagen, sie können nicht bezahlen, dann bezahlen sie auch keine Strafe."

Bereits 2017 hat König gemeinsam mit anderen Grundschulleitern einen Brandbrief an das hessische Kultusministerium geschrieben: Die Kinder können schlecht oder gar kein Deutsch, sie wissen die einfachsten Sachen nicht, machen ihre Hausaufgaben nicht, sind teils aggressiv, kommen zu spät und manchmal sogar gar nicht, klagten die Lehrkräfte. In ihrem Buch "Schule vor dem Kollaps" hat König einige Vorschläge eingearbeitet, wie sich die Situation verbessern ließe.

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Ein Plädoyer für die Ganztagsschule

"Ganztagsschule!", antwortet die Autorin im Gespräch mit hr-iNFO wie aus der Pistole geschossen, bevor die Frage überhaupt fertiggestellt wurde. "Eine richtige Ganztagsschule!", fordert König. Dann würden die Kinder längere Zeit am Stück Deutsch sprechen. Zudem sei ein anderes Arbeiten möglich, als einfach nur den Unterrichtsstoff durchzubringen.

Weitere Informationen

Buchtipp

"Schule vor dem Kollaps"
von Ingrid König
Penguin Verlag
20 Euro (Hardcover)
VÖ-Datum: 25. Februar

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Was an der Griesheimer Schule geleistet wird, sei zwar beachtlich – aber eben nicht ausreichend. "Die Deutschstunden sind an Brennpunktschulen immer noch zu wenig. Wir bräuchten mehr ausgebildete Lehrer, vor allem in Deutsch als Zweitsprache", fordert König, die laut eigener Aussage früher immer eng mit dem Kultusministerium zusammengearbeitet hat. "Heute glaube ich, die meinen, ich sei renitent. Das bin ich aber überhaupt nicht."

Nach rechts abgedriftet?

Mit Vorurteilen hat die ehemalige Rektorin auch bei einigen Lehrkräften zu kämpfen. Junge Kolleginnen und Kollegen vom Land hätten sie gefragt, ob sie "jetzt auch rechts geworden" sei, als sie von den Problemen an der Schule berichtete. Um eine politische Botschaft sei es König aber nie gegangen. "Ich glaube, ich konnte immer authentisch rüberbringen, dass es mir um Probleme geht und nicht darum, irgendwelche Menschen in irgendwelche Richtungen zu schubsen", sagt sie.

Diese Probleme hat sie in ihrem Buch benannt. König glaubt, dass "Schule vor dem Kollaps" ihr letzter Kraftakt für eine Verbesserung der Lage gewesen ist. Immerhin ist sie jetzt in Rente. "Aber ich werde auf jeden Fall da bleiben", bietet sie auch weiterhin ihre Hilfe an. Wenn sie denn gewollt ist.

Weitere Informationen

Das Interview führte Heidi Radvilas

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hr-iNFO, 22.02.2019, 19.35 Uhr

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