Jakob Hein

Was Studien belegen, treibt auch den Psychiater Jakob Hein um: Die Coronakrise belastet Kinder und Jugendliche enorm. Im Interview spricht er über die Aufgabe von Eltern, den Umgang mit der neuen Normalität und darüber, warum man Corona-Demonstranten nicht psychisch pathologisieren sollte.

Manchmal hätte er gern magische Kräfte, sagt Jakob Hein und lacht: "Ich suche immer in meiner Praxis den Zauberstab. Ich würde die Probleme meiner Patienten damit wegzaubern." Doch als Psychiater ist man nicht für Antworten zuständig, sondern für Fragen, weiß er aus seiner 20-jährigen Berufserfahrung. Jakob Hein ist Kinder- und Jugendpsychiater mit eigener Praxis in Berlin und zugleich ein erfolgreicher Schriftsteller. In seinem neuen Buch "Hypochonder leben länger" berichtet er zum ersten Mal aus seinem Alltag als Psychiater.

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Die beiden Berufe seien nahe beieinander, erklärt Hein sein "Doppelleben": "Man interessiert sich für Geschichten, man interessiert sich für Menschen, und das Wort ist ein zentrales Instrument der Arbeit." Allerdings stamme er aus einer Familie, in der alle geschrieben hätten – allen voran sein berühmter Vater, der Schriftsteller Christoph Hein und seine Mutter Christiane Hein, die als Dokumentarfilm-Regisseurin arbeitete.

Keine Couch und keine Zwangsjacken

Und der Psychiater Jakob Hein? Der trägt kein Cordsakko, hat keine rote Therapie-Couch und kennt Zwangsjacken nur aus dem Film. Aber solche Klischees sind ihm natürlich vertraut: "Ich glaube, ein Jahr unserer Facharztausbildung besteht nur im Umgang mit Klischees über unseren Beruf", sagt Hein. Er möchte mit solchen Vorurteilen aufräumen, auch darum hat er das Buch geschrieben.

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Buchtipp

"Hypochonder leben länger – und andere gute Nachrichten aus meiner Praxis"
Von Jakob Hein
Verlag Galiani Berlin

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Die meisten seiner Kolleg*innen gingen spielerisch damit um. Er könne über seinen Beruf auch lachen, denn "viele Dinge sind lächerlich, zum Beispiel das Coronavirus: Das ist lächerlich als Konzept, aber als Realität muss man damit umgehen. Und so können sich viele gerne über uns Psychiater lustig machen - bis sie den ersten psychiatrischen Patienten haben, dann finden die immer ganz schnell unsere Nummer und sagen: Du musst jetzt mal ganz schnell kommen."

Früher hypochondrisch, heute achtsam

Durch die Pandemie habe sich sein Alltag und der Alltag der Menschen mit psychischen Erkrankungen verändert, erzählt Jakob Hein, nicht nur, weil jetzt viel mehr Gespräche online oder telefonisch stattfänden. "Wir haben natürlich viel größere Befürchtungen, was Ansteckungen oder Krankheiten betrifft oder insgesamt die Tendenz, sich zu isolieren und nicht in Kontakt mit anderen Menschen zu treten", sagt Hein. Auf der anderen Seite gelten Dinge, die man vor einem halben Jahr noch als hypochondrisch eingeschätzt hätte "heute als normales und auch sehr achtsames Verhalten."

Vor allem auch Kinder leiden stark unter der Pandemie: Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf im Juli zeigte erstmals für Deutschland, wie sich die Corona-Krise auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt hat. Dabei waren über 1000 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 17 Jahren befragt worden. Das Ergebnis: 71 Prozent der Befragten fühlen sich durch die Pandemie seelisch belastet. Stress, Angst und Depressionen hätten laut Studie zugenommen und das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt.

Kindern Perspektiven geben

"Das ist sehr bedrückend", sagt Jakob Hein. Die Aufgabe der Erwachsenen sei es nun, "diesen Kindern und Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes eine Perspektive zu geben und zu sagen: Das ist jetzt eine Phase im Leben, wo ihr viel lernen könnt, aber es ist eben eine Phase, die wir auch erfolgreich meistern können." Eltern müssten jetzt ein Vorbild sein, findet der Kinder- und Jugendpsychiater. Und auch die Schule spiele eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Kindern die Chancen in der Krise aufzuzeigen.

Zitat
„Das Virus ist eine sehr schlecht gelaunte, sehr mächtige und sehr bestimmerische Mutter.“ Zitat von Jakob Hein
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Damit meint Jakob Hein nicht nur den "großen Online-Schub", sondern auch "die Möglichkeit zu erkennen, was man an sozialer Gemeinschaft schätzt." Es bringe nichts, sich "total pessimistisch und negativistisch" in die Krise hineinzusteigern, sondern wir müssten lernen, mit der Krise umzugehen. In seinen Augen macht die Corona-Pandemie uns alle zu Pubertierenden: Das Virus sei eine "sehr schlecht gelaunte, sehr mächtige und sehr bestimmerische Mutter", die uns vorschreibe, wann wir rausgehen dürfen, wann wir zu Hause zu sein haben und dass wir keine Partys feiern sollen, "und wir sind plötzlich alle eingesperrt und rennen gegen irgendwelche inneren Mauern. Es ist belastend und viele finden nur schwierig einen Umgang damit", sagt Hein.

Corona-Protestler "nicht pathologisieren"

Wenn man den Psychiater Jakob Hein fragt, wie er auf die Seelenlage der Corona-Demonstranten schaut, gibt er zunächst zu bedenken: "Wir alle sind Corona-Gegner, ich glaube, ich habe noch niemanden gefunden, der Corona gut fand. Aber ich glaube, dass wir alle gut daran tun, zusammenzustehen - weil, wenn wir uns alle gegenseitig mit Negativität anschütten, dann fühlen wir uns alle nur unwohler."

Die Corona-Protestler aber als "verrückt" abzustempeln, sei völlig falsch, sagt Jakob Hein: "Das ist ein wichtiger gesellschaftlicher Zusammenhang, in dem Diskussion erlaubt ist und wir zum Glück in einer pluralistischen Gesellschaft leben, wo sich Menschen äußern können. Und es wäre völlig falsch und verfehlt und für alle Seiten ein Fehler, diese Menschen psychisch zu pathologisieren." Zwar würden manche Kolleg*innen "mit solchen Pathologisierungen herumwerfen", erzählt Hein. Aber damit mache man sich das Fach kaputt, "weil niemand dann Lust hast, zu einem Psychiater zu gehen, wenn ein Psychiater einer ist, der aus dem Fenster guckt auf eine Demo und dann behauptet, eine Gruppe von Menschen sei dies oder das mit einer Diagnose."

Wie manche zu ihren kruden Verschwörungstheorien kommen, verstehe er auch er nicht. "Ich habe gute Freunde in Amerika, wo die Menschen unendlich leiden und wo Hunderttausende einfach wirklich erstickt sind", sagt Hein. Aber man müsse versuchen, gesprächsoffen zu bleiben, "damit wir vielleicht die wenigen am Rand, die da noch nicht so ganz den Verschwörungstheorien verfallen sind, vielleicht auch wieder auf die Seite der Vernunft ziehen können."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 2.9.2020, 19:35 Uhr

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