Jan Böhmermann

Twitter sei eigentlich Literatur, sagt Jan Böhmermann. Er selbst hat sich dort in elf Jahren vom Comedian zum politischen Aktivisten entwickelt - und konnte den SPD-Kanzlerkandidaten Scholz doch nicht verhindern. Ein Gespräch über sein neues Twitter-Tagebuch, den Zustand der SPD und Antisemitismus auf der Bühne.

Seit elf Jahren ist Jan Böhmermann bei Twitter aktiv. Irgendwann kam ihm der Gedanke: Eigentlich ist Twitter Literatur. "Sie schreiben ein öffentliches, geheimes Tagebuch, was sie aber im Moment Ihres Eintrags aber auch einem Publikum präsentieren." Jetzt hat Jan Böhmermann eine Auswahl seiner bisher rund 25.000 Tweets als Buch veröffentlicht: Kalauer und skurrile Alltagsbeobachtungen, beißender Spott und politische Statements.

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Das Twitter-Tagebuch von Jan Böhmermann erscheint unter dem Titel "Gefolgt von niemandem, dem du folgst" im Verlag Kiepenheuer und Witsch.

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Ein Rückblick auch auf ein Jahrzehnt, in dem nicht nur die Zeiten rauer geworden sind, sondern auch das Medium Twitter. "Das ist nicht wie Facebook, wo jede Tante ein Bild vom letzten Geburtstag hochlädt, oder Instagram, wo man so'n Schnütchen zieht und zeigt, was man für'n sexy Po hat", sagt Böhmermann. Mit Twitter könne man die Welt verändern.

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SPD-Vorsitz: "Schmerzhafteste Aktion überhaupt"

Leider werde das Medium von den Feinden der Demokratie viel intensiver genutzt - zum Beispiel kürzlich beim sogenannten Sturm auf den Reichstag. Ein "Mikrowahn" habe sich bei Twitter so verstärkt, "dass eine Art Parallelwirklichkeit entstanden ist und die gedacht haben, sie hätten jetzt gewonnen und Donald Trump würde gleich vom Himmel steigen und ihnen die Absolution erteilen und der Friedensvertrag ist unterzeichnet und Deutschland ist jetzt ein Reich und sie könnten jetzt den Reichstag stürmen."

Jan Böhmermann selbst ist in seinen elf Jahren bei Twitter vom Comedian zum politischen Aktivisten geworden - etwa als er sich vor einem Jahr ganz ernsthaft um den Vorsitz der SPD bewarb. "Ab und zu spüre ich dann diese dusselige Notwendigkeit, mich politisch zu äußern", sagt er. "Das wurde immer schlimmer, je mehr es in der Welt anfing zu brennen. Ich bin doch eigentlich Komiker, ein Quatschvogel - warum ist hier so eine Ernsthaftigkeit?" Die Bewerbung um den SPD-Vorsitz sei seine "schmerzhafteste Aktion überhaupt" gewesen, "weil das so viel in mir berührt hat, und wirkliche Verzweiflung".

Sozialdemokratie: "Mit gebrochenem Herzen im Schützenpanzer"

Damals wollte Böhmermann Olaf Scholz als SPD-Chef verhindern, jetzt hat die Partei Scholz zum Kanzlerkandidaten gemacht. "Was die SPD angeht, sitze ich mit gebrochenem Herzen im Schützenpanzer, weil man die ganze Zeit denkt, Sozialdemokratie in der Gegenwart kann doch nicht anders funktionieren, als dass man vielleicht mal ein paar migrantische Positionen integriert, als dass man mal progressiv denkt. Stattdessen setzt man eben auf so eine pragmatische Figur wie Olaf Scholz."

Bei der SPD vergeht Böhmermann das Lachen, ebenso beim Thema Antisemitismus. Er hat selbst die Erfahrung gemacht, dass ihm ein Sketch mit dem Komiker Oliver Polak hinterher "um die Ohren flog", weil dieser sich als Jude diskriminiert fühlte. Damit müsse man sich auseinandersetzen, sagt Böhmermann. Antisemitische Ressentiments von der Bühne herab seien nicht okay. Ist das nicht Cancel Culture - also das Canceln von Kulturveranstaltungen wegen umstrittener Äußerungen, wie es gerade am Beispiel der Kabarettistin Lisa Eckhart diskutiert wird?

Cancel Culture: "Herbeigejammertes Phänomen"

"Dieses herbeigejammerte Phänomen Cancel Culture - da habe ich eigentlich relativ wenig Mitleid, wenn man da jetzt so eine Opferinszenierung von der Kabarettbühne herunter startet", sagt Böhmermann.

"Vor allen Dingen, wenn der Grund dafür ist, dass man Gegenwind bekommt, weil man halt mit dem Anspielen von antisemitischen Ressentiments im eigenen Publikum sich den ganz billigen Applaus versucht zu ziehen. Da muss man einfach wirklich mit leben, das tut mir echt leid."

Neue TV-Show: "Reaktionäres, antikommunistisches Kampffernsehen"

Nach fast einem Jahr Fernsehabstinenz startet Jan Böhmermann im Herbst eine neue Show - diesmal im ZDF-Hauptprogramm. Der Titel "ZDF-Magazin Royale" knüpft nicht nur an die alte Show im Spartenkanal "neo" an, sondern bezieht sich auch ironisch auf das ultrakonservative "ZDF-Magazin" aus Zeiten des Kalten Kriegs. "Endlich wieder reaktionäres, antikommunistisches Kampffernsehen", verspricht Böhmermann, "endlich wieder eine starke, rechte Stimme im deutschen Fernsehen: Jan Böhmermann legt wieder los."

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Das ZDF-Magazin Royale startet im am 6. November.

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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 9.9.2020, 19:35 Uhr

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