Jan Kalbitzer
Bild © Praxis Kalbitzer

Wie wirkt sich das Internet auf unsere Psyche aus? Das erforscht der Psychiater Jan Kalbitzer - und warnt davor, das Netz pauschal zu verteufeln. Er plädiert für einen gesunden Umgang mit Smartphone, Tablet und Co.

"Ich finde das dramatisch, ich finde das traurig", sei sein erster Gedanke gewesen, als er hörte, dass Grünen-Chef Robert Habeck nach dem jüngsten Datenklauskandal und dem Shitstorm über Wahlkampf-Tweets seine Accounts bei Twitter und Facebook gelöscht habe. Was ihn ärgere, und zwar als Privatperson, betont Jan Kalbitzer: "Wir müssen uns um diesen digitalen Raum bemühen!"

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Zur Person

Jan Kalbitzer leitet das Zentrum für Internet und seelische Gesundheit an der Berliner Charité und untersucht, wie sich das Internet auf unsere Psyche auswirkt.

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In einer Welt, die immer komplexer erscheine und wo es immer mehr Zulauf gebe zu Menschen mit einfachen Antworten und Lösungen, finde er es ganz wichtig, "dass grade Politiker in Spitzenpositionen nicht den einfachen Ausweg wählen, sondern sagen: man versucht, auf eine komplexe Realität mit komplexen und auch schwierigen Antworten zu reagieren. Nämlich: ich bleibe weiter in so einem Umfeld und kämpfe darum, dass es ein besseres Umfeld wird." Wenn Spitzenpolitiker "raus" gingen und sich nicht mehr um diesen Raum bemühten, "dann verlassen sie einen Teil unserer Gesellschaft und das finde ich einfach tragisch."

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Internetsucht

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Digital Detox

Laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts Forsa hat sich in Deutschland allerdings jeder Zweite im Alter von 14 bis 29 Jahren vorgenommen, 2019 weniger online zu sein. Digital Detox, also "digitales Entgiften", liegt offenbar besonders bei den jüngeren im Trend. Daraus sollte man aber nicht gleich schlussfolgern, jeder zweite junge Deutsche hätte ein problematisches Online-Verhalten, meint Jan Kalbitzer: "Wir können uns doch freuen, dass die Jugendlichen so wahnsinnig klug sind zu sehen: Wir haben das total viel ausprobiert und jetzt machen wir weniger. Das ist doch positiv", sagt der Psychiater.

"Wir haben eine wahnsinnig kluge, gut ausgebildete, höfliche Jugend da draußen, die unheimlich intelligent lernt, mit neuer Technik umzugehen." Und die nicht unbedingt alles mit den Eltern bespreche, was sie im Netz tue. Man solle die neue Technik nicht pauschal verteufeln, sondern das Gespräch mit den Jugendlichen suchen. "Wir können sagen, das ist toll, dass ihr so viel chattet. Gibt es vielleicht andere Wege oder muss es immer über diesen Bildschirm sein? Weil es vielleicht auch schlecht für die Augen ist und die Strahlung nicht gut ist."

"Pauschalurteil über Internetsucht ist falsch"

Jan Kalbitzer leitet das Zentrum für Internet und seelische Gesundheit an der Berliner Charité und untersucht, wie sich das Internet auf unsere Psyche auswirkt, was uns Probleme bereitet, aber auch, was uns hilft. Dabei wertet er Daten zum Beispiel auf Twitter oder Facebook aus, schaut sich dort Dialoge an und untersucht, wie Streitdynamiken funktionieren. Außerdem führen er und seine Kollegen viele Interviews mit Gesunden und Menschen in der Krise. "Wir nehmen zum Beispiel jemanden, der sich meldet, weil er sagt: Ich bin internetsüchtig, ich bin jeden Tag 14 Stunden am Zocken oder im Internet, das ist zuviel, ich bin überfordert. Und suchen dann jemandem, der Nerd ist und sagt, ich bin auch jeden Tag 14 Stunden im Internet und mir geht’s prima. Und die vergleichen wir dann."

Zitat
„Die meisten Menschen, die von Internetsucht sprechen und von detox, die haben wesentlich komplexere Probleme, nämlich dass sie überfordert sind von der Komplexität unserer Gesellschaft zur Zeit.“ Zitat von Jan Kalbitzer
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Aus der fünfjährigen Forschungsarbeit lassen sich interessante Erkenntnisse ableiten. Das Pauschalurteil der Sucht in Bezug auf das Internet zum Beispiel hält Kalbitzer komplett für falsch: "Die meisten Menschen, die von Internetsucht sprechen und von detox, die haben wesentlich komplexere Probleme, nämlich dass sie überfordert sind von der Komplexität unserer Gesellschaft zur Zeit und sich entweder zurückziehen ins Netz oder dass Menschen immer wieder checken. Dieses Checking-Verhalten, habe ich neue Nachrichten, die mir entweder was Gutes berichten oder sind da neue Nachrichten, die ich beachten muss, um Böses abzuwenden", sagt Jan Kalbitzer.

Experimente zum Überprüfen des eigenen Online-Verhaltens

In seinem Buch "Digitale Paranoia – Online bleiben ohne den Verstand zu verlieren" stellt der Psychiater einige Experimente vor, die man an sich selbst ausprobieren kann, um das eigene Online-Verhalten zu überprüfen und einen gesunden Umgang mit dem Internet zu finden.

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Buchtipp

"Digitale Paranoia – Online bleiben ohne den Verstand zu verlieren"
von Jan Kalbitzer
C.H. Beck
16,95 Euro (Taschenbuch)

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Aber wie geht das? Kalbitzer, der an sich selbst übrigens ein "Daddelverhalten" festgestellt hat, verrät im Interview, was ihm geholfen hat, gesund mit seinem Smartphone umzugehen: "Ich habe meine Frau gebeten, über die Kindersicherung den Browser auf meinem Smartphone auszuschalten und ich habe Zufalls-Passwörter für meine Arbeits-E-Mails. Das sind die beiden Sachen, wo ich mich schwer abgrenzen kann – von Arbeit und von Nachrichten." Für ihn sei es wichtig, dass sein privates Smartphone abends und am Wochenende auch ein privates Smartphone bliebe. "Das hat für mich zu viel Verbesserung der Lebensqualität geführt", sagt Jan Kalbitzer.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 16.1.19, 19:35 Uhr

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