Jan Kammann
Bild © Luisa Wolff

In seiner Klasse sitzen Schüler aus über 20 Nationen – der Hamburger Lehrer Jan Kammann wollte mehr wissen über sie. Er nahm ein Sabbat-Jahr und reiste durch ihre Herkunftsländer. In seinem Buch "Ein deutsches Klassenzimmer" erzählt er, was er dabei gelernt hat.

Mit einem Bus-Trip nach Sofia fing alles an - Jan Kammann wollte die "Ausrede" einer Schülerin aus Bulgarien überprüfen. Sie kam immer nach den Ferien ein paar Tage zu spät zum Unterricht und gab als Entschuldigung an, der Bus habe immer Verspätung. Das war nicht geschwindelt, fand der Hamburger Lehrer nach einem über 40-stündigen anstrengenden Trip heraus. Und bei dieser Reise nach Bulgarien fasste er dann den Entschluss, auch mehr über die Herkunft seiner anderen Schüler zu erfahren. Er habe ein neugieriges und kommunikatives Wesen, beschreibt der 39-Jährige seine Stärken als Mensch und Lehrer. Und er versuche sich in die Probleme und Welten seiner Schüler einzudenken. "Jeder hat seine eigene Persönlichkeit, jeder hat seine Stärken, die er und sie dann auch in die Klasse und vielleicht später auch bei uns in die Gesellschaft einbringen kann", sagt Jan Kammann. "Das finde ich einfach fantastisch. Es gibt viel mehr, als man denkt. Da ist mein Arbeitsalltag auch so toll, weil ich das Gefühl habe, ich lerne jeden Tag etwas Neues."

Jan Kammann Peking
Los geht's ... mit der Eisenbahn in Peking Bild © Jan Kammann und Luisa Wolff

Jan Kammann ist Lehrer für Englisch und Erdkunde an der Europaschule Gymnasium Hamm in Hamburg, wo er in internationalen Vorbereitungsklassen unterrichtet. Dort lernen Kinder neu zugewanderter Familien zunächst mal ein Jahr lang Deutsch, um auf einen Wechsel in eine Regelklasse vorbereitet zu werden. So eine Klasse, die 10d, hatte Kammann übernommen. Im Klassenraum waren Schüler aus über 20 Nationen vertreten. Für ihn stand bald fest, dass er ihre Herkunftsländer besuchen wollte. Er nahm ein Sabbatjahr und fuhr los. Mit im Gepäck die selbst verfassten Reiseführer seiner Schüler mit Insider-Tipps und kleinem Sprachführer. Er reiste nach Kuba, Nicaragua und Kolumbien, Südkorea, China, Russland, in den Kosovo, nach Albanien, Armenien, Iran und Ghana. Dabei konnte er auf frühere Auslandserfahrungen zurückgreifen, denn Kammann hatte bevor er an der Schule in Hamburg anfing, einige Zeit in China als Lehrer gearbeitet und dort Deutsch unterrichtet.

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"Es hat lange gedauert, bis ich mich dort zurechtgefunden habe", erzählt der Hamburger Lehrer. "Die Situation, in der die Schülerinnen dort sind, kam mir sehr bekannt vor, da habe ich Hilfestellung gegeben und mich hat das ein bisschen getriggert: Ich wollte das auch mal erfahren und erleben, wie sie sich dort vor Ort fühlen."

Jan Kammann wollte wissen, wie es ist, sich in einer ganz neuen Sprache in einem fremden Land zurechtzufinden. Er habe einfach mal den Spieß umdrehen wollen, sagt er. Er sei "das Fenster nach Deutschland" für seine Schüler, jetzt sollten auch sie ihrem Lehrer mal etwas erklären und für ihn "das Fenster in den Iran oder nach Kolumbien, Kosovo, Albanien oder Südkorea" sein. Auf die Frage, was das Wichtigste war, das er auf seiner Reise gelernt habe, antwortet Jan Kammann: "Mir ist eine große Freundlichkeit zuteilgeworden. Ich habe keine wirklich nennenswert negativen Erlebnisse gehabt. Die Leute sind mir durch die Bank aufgeschlossen begegnet, und diese Aufgeschlossenheit versuche ich, mit in meinen Alltag zu nehmen. Auch Gastfreundschaft habe ich selber reichlich erfahren und davon möchte ich zurückgeben und eine Schule ist ein schöner Ort für sowas."

Jan Kammann Venedig
Insidertipps der Schüler für ihre Heimat Venedig Bild © Jan Kammann und Luisa Wolff

Aber natürlich weiß der Lehrer, dass das Zusammentreffen vieler verschiedener Kulturen in der Schule auch anstrengend sein kann. Lehrer fühlen sich nicht selten überfordert und alleingelassen von der Politik, sollen aber wichtige Integrationsarbeit leisten. Vielleicht habe er da auch Glück gehabt an seiner Schule und mit seinen Schülern, räumt Kammann ein. Zu seiner ehemaligen Klasse 10d, die ihn zu seiner Reise und zu seinem Buch "Ein deutsches Klassenzimmer" inspiriert hat, hat er immer noch Kontakt. Viele Schüler hätten ihr Abitur geschafft und wollten nun studieren, berichtet er. "Sie sind dabei, richtig anzukommen in Deutschland, was mich sehr freut."

Weitere Informationen

Buchtipp

"Ein deutsches Klassenzimmer"
Piper Verlag
€ 18,00
Erscheint am 04.09.2018

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Sendung: hr-iNFO, 29.8.2018, 19:35 Uhr

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