Autor Jan Weiler im hr-iNFO Studio

In seinem neuen Roman 'Kühn hat Hunger' beschäftigt sich Jan Weiler mit der Krise der Männlichkeit in Zeiten von #MeToo. Ein Gespräch über den überforderten Mann, feministische Debatten und unfreiwillig zölibatär lebende "Incels", die Frauen hassen.

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Jan Weiler und Mariela Milkowa
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Kommissar Martin Kühn ist Mitte 40, verheiratet, Vater zweier Kinder, und er lebt mit seiner Familie in einem Reihenhaus. Ein Durchschnittstyp mit einem Durchschnittsleben. Er macht eine Krise durch, fühlt sich als Mann irgendwie überfordert, hat Angst, dass seine Frau ihn nicht mehr sexuell attraktiv findet.

Deswegen macht Kühn eine Macho-Trend-Diät, die ihm helfen soll, wieder ein "echter Kerl" zu werden. Auch beruflich wird er mit dem Thema konfrontiert: Kommissar Kühn muss den Mord an einer jungen Tänzerin aus dem Münchner Rotlichtviertel aufklären. Ihr Mörder entpuppt sich als ein sogenannter "Incel". Übersetzt heißt dieser Begriff: unfreiwillig zölibatär lebend.

Attentäter von Halle in Incel-Foren unterwegs

"Das sind Leute, die keine Frau finden", sagt Jan Weiler. Diese Männer fühlten sich abgelehnt, ausgeschlossen und nicht gewertschätzt von Frauen und "sie leiten daraus einen sehr gefährlichen und schockierenden Hass auf Frauen ab". Manche toben sich mit ihren Hassgefühlen 'nur' im Internet aus, erzählt Weiler, der für sein Buch selbst in solchen Incel-Foren recherchiert hat.

Manche werden aber auch gewalttätig, so wie beispielsweise der Attentäter von Halle. Auch er soll in entsprechenden Internet-Foren unterwegs gewesen sein, so Weiler, das hätten Auswertungen seines Computers ergeben. Bei dem Anschlag am 9. Oktober vor einer Synagoge in Halle wurden zwei Menschen getötet.

Schockierend, aber auch mitleiderregend

Die Incel-Bewegung empfindet Jan Weiler einerseits als "ausgesprochen gruselig und schockierend", andererseits aber auch als "unfassbar mitleiderregend". Denn Incels seien Menschen, "die gesellschaftlich keinen Fuß auf den Boden kriegen und die übrigens nicht nur Frauen hassen sondern auch alle Männer, die bei Frauen landen können". Die Incels sind in Jan Weilers neuem Roman 'Kühn hat Hunger' die tragischen Figuren der Krise des Mannes in Zeiten von #MeToo.

Aber auch die ganz durchschnittlichen Typen wie Kommissar Kühn haben große Probleme. Sie gehören einer Generation an, sagt Jan Weiler, "die auf eine bestimmte Weise erzogen und geprägt worden sind und dann im Laufe des Lebens merken, dass die alten Rollenbilder nicht mehr richtig funktionieren". Jan Weiler ist 52 und gehört selbst zu dieser Generation Männer, die zwischen Mitte der 1960er und Mitte der 1970er Jahre geboren wurden.

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Jan Weiler mit Mariela Milkowa
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Sie hätten sich lange gar nicht mit Themen wie Gleichberechtigung, Gender Pay Gap und den sich verändernden Rollenbildern von Mann und Frau auseinandergesetzt. "Dass unsere Generation bestimmte Konflikte, Probleme und Themen nicht gelöst hast, das fällt uns jetzt auf die Füße, und das verunsichert viele Männer", sagt der in München lebende Bestsellerautor. Die Ursache des Problems liegt für Jan Weiler auf der Hand: "Ich glaube, dass es sich nicht um einen Geschlechterkampf handelt, sondern um einen Generationenkonflikt".

Konflikte mit der eigenen Tochter

Der Autor und Journalist kennt das aus eigener Erfahrung. Seine 21-jährige Tochter, die einen "sehr starken feministischen Zug" habe, bezeichne ihn als "alten weißen Mann". Sie werfe ihm zum Beispiel vor, dass seine Sprache nicht gendergerecht sei. "Die beschimpft mich immer nur und kritisiert mich viel, aber das ist auch ihr Job", sagt Jan Weiler schmunzelnd. "Natürlich muss sie mich dafür kritisieren, dass ich in bestimmten Punkten nicht weit genug bin."

Ähnliche Erfahrungen macht Jan Weiler auch als Dozent an der Deutschen Journalistenschule. Dort erlebe er seine Klassen als "enorm feministisch". Es sei "zum Teil sehr anstrengend", berichtet er, "dass man fast jede Themenkonferenz führt im Hinblick auf Genderthematiken". Manchmal diskutiere man darüber, dass das Türen aufhalten auch schon ein "patriarchalischer Akt" sei.

Toleranz und Rücksicht sind wichtig

"Man wächst auf mit der Konvention, dass man Türen aufhält und in den Mantel hilft", so Weiler, "und dann wird einem vorgehalten, dass das eigentlich in Wahrheit ein Akt der Unterdrückung sei, weil es die Selbstwirksamkeit weiblichen Handelns verhindert". Solche Debatten seien zwar anstrengend, aber das werde sich auch irgendwann wieder legen, glaubt Weiler. "Da müssen wir jetzt durch und ich finde das nicht so schlecht." 

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Buchtipp

Jan Weiler: "Kühn hat Hunger"
Piper Verlag, 22 Euro

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Er ist überzeugt, dass seine Generation die letzte ist, wo es in Sachen Gleichberechtigung noch etwas hakt. Mit seinem Buch habe er versucht, seinen Beitrag zu dieser Debatte zu leisten, und er ist überzeugt: "Das Beste, was wir tun können, ist tolerant sein, uns zuhören, aufeinander eingehen und Rücksicht nehmen".

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 27.11.19, 19.35 Uhr

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