Janina Schweitzer

Sie hat einen Beruf, vor dem sich die meisten wohl ziemlich ekeln würden: Janine Schweitzer säubert Tatorte und räumt Messie-Wohnungen auf. Doch sie wischt dabei nicht nur Dreck weg, sondern blickt hinter die Fassade und in die Abgründe der Gesellschaft.

Jeden Monat entrümpelt Janine Schweitzer Messie-Wohnungen. Doch die Geschichte einer älteren Dame ging ihr dabei besonders nahe. Sie nennt sie Frau Prada. "Die Frau war richtig zum Knuddeln", erinnert sich Janine Schweitzer. "Das war eine ganz zierliche, gebrechliche Dame gewesen. Das hat mich wirklich ergriffen."

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Das Interview mit Janine Schweitzer

Janina Schweitzer
Ende des Audiobeitrags

In ihrer adretten Kleidung öffnet Frau Prada die Tür zu ihrem Haus. Schon lange hat sie hier niemanden mehr rein gelassen, seit drei Jahren hat sie den Müll nicht mehr rausgebracht. Millionen Fruchtfliegen überall, Dreck, Abfall, Gestank. Und etwa 3.000 leere Weinflaschen auf dem Boden. "Im Nachhinein hat sich auch herausgestellt, dass die Frau drei gebrochene Wirbel im Rücken hatte. Und sie hat wirklich auf Müll geschlafen", erzählt die Messie-Entrümplerin. "Sie hat auf Kippen, Chipstüten und Essensresten gelegen. Und da dachte ich: 'mein Gott, krass!'"

Nach außen oft nicht sichtbar

Es sind oft Angehörige, Freunde oder eben die Betroffenen selbst, die sich dann an Janine Schweitzer wenden. Vielen Messies sieht man es nicht an, dass zu Hause das Chaos herrscht. Sie riechen gut, sind gepflegt, manche sind Akademiker oder gehen hochdotierten Jobs nach. Zu Hause aber leben sie im Müll, urinieren in Pfandflaschen oder horten Gegenstände, von denen sie sich nicht trennen können.

Weitere Informationen

Buchtipp

"Eine Frau räumt auf: Meine spektakulärsten Fälle als Tatortreinigerin und Messie-Entrümplerin" von Janina Schweitzer

Ende der weiteren Informationen

Janine Schweitzer begegnet jedem Betroffenen mit viel Verständnis. Denn sie weiß: Der Müll stopft auch die Löcher im Herzen. Viele sind depressiv oder haben Schicksalsschläge zu verarbeiten. Deshalb hat sie die Messie-Entrümpelung zu ihrem Spezialgebiet gemacht. Vor allem der Vorher-Nachher-Effekt fasziniert sie dabei. "Es ist natürlich super anstrengend. Aber das ist die Hilfe, die ich leisten kann, damit die Leute wirklich neu beginnen können."

Selten ein nachhaltiger Job

In den wenigsten Fällen ist ihr Job aber nachhaltig. Ohne Therapie sieht es in einem Jahr schnell wieder genauso aus wie vorher. Wie Frau Prada heute lebt, das weiß sie nicht. Oft verliert sich der Kontakt nach dem Einsatz - auch aus Scham. Frau Prada fasziniert Janine Schweitzer aber auch, weil sie sie an ihre eigene Mutter erinnert hat. Auch ihre Eltern haben zu viel Alkohol getrunken. Sie sind verstorben, als Janine Schweitzer Anfang 20 war. Sie fällt in ein Loch, bekämpft ihren Kummer mit zu viel Essen.

Janine Schweitzer kann nachvollziehen, wie sich Menschen fühlen, denen Halt im Leben fehlt. Sie kennt das Chaos - innen und außen. "Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich so wohl fühle bei meinen Betroffenen", sagt sie. "Auch bei uns zu Hause war es echt unordentlich. Wir sind Gleichgesinnte, die wissen, wovon sie sprechen."

"Ein bisschen gruselig"

Neuen Halt gibt ihr damals eine Jobangebot: Ein Schädlingsbekämpfer sucht neue Mitarbeiter. "Geil", denkt sich Janine Schweitzer, "das wär’s!". Damals ist sie 29 Jahre alt. Mittlerweile ist sie nicht nur Messie-Entrümplerin, Schädlingsbekämpferin und Desinfektorin, sondern auch Tatortreinigerin. Sie erinnert sich noch gut an ihren ersten Tatort. "Ich hatte total Herzklopfen. Weil ich ja wirklich nicht wusste, was mich erwartet", erinnert sie sich. "Ich hab dann erst mal den Kopf reingesteckt, mich ein bisschen umgeguckt. Also es war schon ein bisschen gruselig vom Gefühl her."

Ein toter Obdachloser wurde zuvor in der Wohnung gefunden, die die Kirche bereitgestellt hat. Dort liegt er zwei Wochen, bis er gefunden wird. Dann ist es Janine Schweitzers Aufgabe, die menschlichen Überreste wegzuputzen. Ekel kennt sie dabei nicht. "Das war so eine gewisse Faszination. Ich hatte in dem Moment ja auch eine Atemschutzmaske an, das ist sowieso so eine kleine Barriere, ein Abstandhalter, auch emotional. Von daher war das voll in Ordnung."

Eine Art Therapie

Bisher wurde sie nur einmal zu einem Tatort gerufen, an dem ein Mord geschehen ist. Oft sind es Suizide, Unfälle oder natürliche Tode. Dabei ist es ihr immer wichtig zu wissen, wer der Mensch war, der dort gelebt hat. "Für mich ist es auch ein Dienst an dem verstorbenen Menschen", erklärt sie.

Sich jeden Tag auf diese brutale Art und Weise mit dem Tod zu konfrontieren, ist für Janine Schweitzer auch ein Verarbeitungsprozess, eine Art Therapie. "Ich habe mich von meinen Eltern damals nicht verabschieden können", erklärt sie. "So kann ich das ein bisschen für mich selber verarbeiten."

Doch auch sie kommt dabei häufig an ihre Grenzen. "Was mache ich hier überhaupt?", fragt sie sich dann. "Aber wenn ich es nicht mache, dann macht es ja sonst niemand", denkt sie sich. Der Job ist ihr wichtig. "Das ist eine wichtige Arbeit", davon ist sie überzeugt. Denn es sei eben "so viel mehr, als nur den Dreck anderer wegzuschrubben."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 22.7.2020, 19:35 Uhr

Jetzt im Programm