Jens Brase

Jens Brase hat Multiple Sklerose und ist an Covid-19 erkrankt. Mit schwerem Verlauf. Auf der Covid-Station im Krankenhaus gab es Stunden, in denen er dachte: "Jetzt muss ich wohl sterben." Doch Brase ist ein Kämpfer und ein Optimist.

Da ist dieses Bild, das Jens Brase an Freunde und Bekannte geschickt hat: Da steckt sein Kopf in einer Art aufgeblasenem Plastiksack, in den Schläuche führen. Ein Sauerstoff-Helm, ventilierte Beatmung, Atemnot: Dem Patienten kann es gar nicht gut gehen. Aber Jens Brase lacht. Das war seine Botschaft nach draußen: 'Seht her, ich lebe und ich bleibe optimistisch!'

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Inzwischen geht es dem gebürtigen Kasseler, der heute in Italien lebt, deutlich besser. Jetzt geht es darum zu lernen, wieder richtig zu atmen. Noch ist Brase in einer Mailänder Klinik, um seine Lungenfunktionen zu trainieren. Es ist aber gar nicht lange her, da ging es um Leben und Tod. "Ich habe wirklich gedacht: 'Ich sterbe. Es ist blöd, ich habe niemandem Bescheid sagen können. Aber jetzt bin ich gleich nicht mehr auf dieser Welt'", erzählt der 57-Jährige.

"Das sind alles so seltsame Gedanken in einer seltsamen Nacht"

Es war diese eine Nacht in der Covid-Station, in der der Sauerstoffgehalt in seinem Blut weit unter den kritischen Bereich sank. Da war Todesangst, ein Gefühl, sagt Brase, das man nur schwer beschreiben kann. Auf jeden Fall fühlte er sich schrecklich allein in diesen Stunden in der Isolierstation.

"Die Familie ist nicht da. Freunde sind nicht da und man denkt eben genau an diese Dinge. Man denkt an Freunde, man denkt an die Familie. Man denkt an die Menschen, denen man jetzt nicht sagen kann: 'Pass mal auf, eventuell sterbe ich jetzt gerade!' Oder man denkt an die Menschen, die man einfach wahnsinnig gerne noch einmal wiedersehen würde. Das sind alles so seltsame Gedanken in einer seltsamen Nacht."

Die er überstanden hat, auch weil er ein Kämpfer, ein Sportler ist. Jens Brase tritt als Rollstuhl-Degenfechter bei den italienischen Meisterschaften an. Den Kampf ums Überleben, das Atmen, den Kampf darum, mehr Sauerstoff in sein Blut zu bekommen – irgendwie hat er es auch sportlich genommen.

"Ich freue mich auf eine ordentliche Portion Spaghetti aglio olio e pomodoro"

"Es klingt saublöd, aber es war eher so eine sportliche Geschichte. Ich habe diesen Monitor gesehen, da waren 62 Prozent und ich habe gesagt, den hol ich jetzt auf 65. Und ich habe versucht, tief zu atmen, was nicht ging. Aber ich habe versucht, irgendwie zu atmen. Und irgendwann ging dann der Sauerstoffgehalt tatsächlich auf 63 oder 64 Prozent. Das reicht natürlich überhaupt noch nicht aus. Aber es war irgendwie ein Zeichen!"

Ein Etappensieg, errungen zusammen mit Ärztinnen und Pflegerinnen, die sich hingebungsvoll um ihn gekümmert haben und mit ihrem Einsatz alle Schwächen der einigermaßen maroden Mailänder Klinik ausgeglichen haben. Die nächste Etappe, sagt Brase, ist jetzt ganz ohne Sauerstoffzufuhr atmen zu können, zurück zur Familie - und dann? "Ich freue mich auf eine ordentliche Portion Spaghetti aglio olio e pomodoro, das ist für mich ein Herzenswunsch, den es im Krankenhaus nicht gibt." Und das ist schon wieder ein guter Grund, niemals aufzugeben.   

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 11.11.2020, 19:35 Uhr

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