Joachim Bauer

Um zu begreifen, wer wir sind, brauchen wir die Resonanz und Zuwendung anderer, sagt Bauer - vor allem in den ersten Lebensjahren. Warum? Und was passiert, wenn sie ausbleiben? Ein Gespräch über die Bedeutung unseres Umgangs miteinander.

Um die Bedürfnisse von Kindern zu erkennen, müsse man kein Arzt oder Forscher sein, sagt Neurowissenschaftler und Psychiater Joachim Bauer. "Wenn man halbwegs das Herz auf dem rechten Fleck hat, muss man ja fast blind sein, die Resonanzbedürfnisse der Kinder nicht zu sehen", meint Bauer, der selbst Vater von zwei Kindern ist. "Das Kind spricht permanent mit seinem ganzen Körper eine Einladung aus: Beschäftige Dich mit mir, können wir nicht miteinander spielen?"

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Joachim Bauer
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Kinder trügen die Botschaften darüber, was sie von den Erwachsenen brauchen, offen vor sich her, sagt Bauer. Man müsse nur hinsehen, um das zu erkennen: "Natürlich, wenn ich den ganzen Tag nur in mein Handy schaue oder auf meinen Laptop, dann sehe ich das nicht, und das ist leider etwas, wo die Reise momentan hingeht."

Säuglinge brauchen Resonanz auf ihr Verhalten

Der 69-Jährige will der heutigen Elterngeneration keine Vorwürfe machen, sondern fordert mehr Unterstützung für sie ein und will Männer bei der Erziehungsarbeit stärker in die Pflicht nehmen. Das sei es, was Kindern wirklich helfe.

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Zur Person

Professor Joachim Bauer ist Internist, Psychiater und Psychosomatischer Mediziner. Er ist Professor an der Universität Freiburg im Bereich Psychoneuroimmunologie. Bis zu seiner Emeritierung 2017 war er Oberarzt in der Ambulanz der Abteilung Psychosomatische Medizin der Universitätsklinik Freiburg. Bauer ist zweifach habilitiert, Autor mehrerer Veröffentlichungen und Sachbücher. Nach seiner Emeritierung ist er weiterhin Gastprofessor an der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) und praktizierender Arzt.

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Wenn wir als Säuglinge auf die Welt kommen, fehlt uns im Gegensatz zu anderen Säugetieren der Ich-Sinn. Wir haben noch keine Vorstellung von dem, was und wer wir sind. Menschen sind Frühgeburten, sie kommen mit einem Stirnhirn zu Welt, das bei der Geburt noch völlig unreif ist und biologisch gesehen noch nicht funktionieren kann. Doch genau dort speichern Menschen später die Informationen und Überzeugungen über sich selbst ab und entwickeln ihre sogenannten Selbstnetzwerke.

Wie also kommt das Selbst ins Kind? Dabei sei die Resonanz der Umwelt vor allem in den ersten Jahren wichtig, sagt Bauer. Säuglinge bräuchten Resonanz auf ihr Verhalten, denn so wie die Saiten einer Gitarre sich gegenseitig zum Klingen bringen, würden die Reaktionen der Bezugspersonen dem Säugling zeigen, dass er ein Jemand ist.

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Buchtipp

Wie wir werden, wer wir sind – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz
Von Joachim Bauer
Blessing Verlag

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Ein Starter-Kit des eigenen Selbst habe der Säugling erst mit 24 Monaten, sagt Bauer. Weil er selbst noch nicht in der Lage sei, seine eigenen Wünsche zu erfüllen, brauche er seine Bezugspersonen als 'extended mind' - fürsorglich und verantwortlich handelnde, liebevolle Erwachsene, die "wie eine Außenstelle des eigenen Selbst sind."

Ohne Empathie kein Selbst

Was sind die Folgen, wenn die Zuwendung unterbleibt? Es zeige sich bei vielen Menschen eine große Leere oder Traurigkeit, wenn in den ersten Lebensmonaten niemand da gewesen sei, der ihnen etwas zurückgegeben habe, sagt Bauer. Wenn Kinder keine Empathie erführen, könne sich kein Selbst bilden: "Diese Menschen begegnen uns häufig später in der psychiatrischen Praxis." Oder sie würden, wenn sie Glück hätten, "nach-beeltert" durch die Zuwendung und die Empathie anderer Menschen.

Das Gehirn sei ein Leben lang formbar und könne nachholen, was ihm in der Kindheit an Zuwendung versagt wurde: "Der Mensch braucht eben von den Mitmenschen Empathie, Zuwendung und gute Gefühle - und das kann man auch in einer späteren Phase noch nachholen."

Vernachlässigung aktiviert Stress-Gene

Alles, was wir zwischenmenschlich erleben, werde von unserem Gehirn wahrgenommen und in Biologie verwandelt, sagt Bauer. Dazu gehöre zum Beispiel die Aktivierung und Inaktivierung von Genen, so Bauer zum aktuellen Forschungsstand: "Wenn ein Kind in den ersten fünf Jahren viele Anregungen erhält, Aufgaben gestellt bekommt, an denen es sich bewähren kann, dann werden im Gehirn dieses Kindes viele Gene für Nervenwachstumsfaktoren aktiviert und lassen das Gehirn dieses Kindes wachsen."

Wenn ein Kind aber vernachlässigt wird und keine emotionale Zufuhr bekommt, keine Fürsorge erlebt und wenn es keine Anregungen bekommt, dann würden Stress-Gene aktiviert. Das Kind habe das Gefühl, nicht gut genug zu sein und nicht gemocht zu werden, sein Gehirn könne sich nicht richtig entwickeln, sagt Bauer: "Das Gehirn wird in hohem Maße sozial konstruiert. Das ist der Stand der modernen Neurowissenschaften."

Menschen müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein, mahnt Bauer: "Die Art, wie wir miteinander umgehen, ist nicht egal. Wie wir uns gegenseitig behandeln, hat Auswirkungen nicht nur auf die Psyche des anderen, sondern auch auf seinen Körper."

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Das Interview führte Jan Tussing.

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hr-iNFO Das Interview, 1.1.2020, 8:35 Uhr

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