Joachim Nagel
Bild © KfW-Bildarchiv/Isadora Tast

Vor 70 Jahren hat in Frankfurt die Kreditanstalt für Wiederaufbau ihre Arbeit aufgenommen, zu ihren wichtigsten Aufgaben gehört die Förderung von Entwicklungsprojekten. Im Interview spricht Vorstandsmitglied Joachim Nagel über aktuelle Projekte und Erlebnisse, die ihn geprägt haben.

25 Milliarden Euro hat er als Vorstand für das internationale Geschäft in diesem Jahr bewegt, rechnet Joachim Nagel vor und sagt: "Man geht mit einer gewissen Demut ran und weiß natürlich schon, welche Verantwortung man hier hat." Finanziert werden mit diesem Geld deutsche und europäische Unternehmen, die bei ihren Projekten im Ausland Unterstützung suchen und Projekte, die die KfW im Auftrag der Bundesregierung in aller Welt fördert. "Es ist ein Potpourri aus klassischer Entwicklungszusammenarbeit und Unterstützung der europäischen Wirtschaft", beschreibt Nagel sein Aufgabenfeld.

Distanz halten funktioniert nicht

Dem 52-jährigen Volkswirt ist die humanitäre Seite seiner Arbeit wichtig. Distanz halten funktioniert bei ihm nicht, sagt er im Interview, gerade wenn er auf Dienstreise in den Entwicklungsländern ist: "Das erwischt einen immer wieder, wenn man unterwegs ist. Ich denke, es ist auch wichtig, dass man mit offenen Augen sieht, wie groß die Probleme zum Teil sind. Das erdet einen auch, weil man Themen, die einem hierzulande mitunter begegnen, ganz anders einordnet."

Frau in Mali trägt Korb mit Wasserbeuteln auf dem Kopf
Frau in Mali Bild © picture-alliance/dpa

Besonders beeindruckt habe ihn in diesem Jahr eine Reise nach Mali, einem der wasserärmsten Länder der Welt. Dort wurden von der KfW Kleinstaudamm-Projekte in Dörfern finanziert. Insbesondere die Frauen waren nicht mehr gezwungen, in der Nacht nach Wasser zu suchen, erzählt Nagel. Es gab mehr landwirtschaftlichen Ertrag, die Ernte konnte in den Städten verkauft werden und die große Not konnte gelindert werden.

Nachhaltigkeit ist dabei immer ein Thema für den Banker, der - wie er betont – "ja mit Steuergeldern unterwegs" ist. Die KfW habe mit ihrer Investition in Mali den Anstoß gegeben, aber nun schaffen es die dörflichen Gemeinschaften in Eigenregie, die Staubecken instand zu halten, weil sie den wirtschaftlichen Nutzen erkennen.

"Nicht abgehoben ankommen"

Joachim Nagel holt ein Foto aus der mitgebrachten Interviewbox, das ihn mit Kindern auf einem Bolzplatz des jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari zeigt, in dem 80.000 Menschen an der Grenze zu Syrien leben und in dem die KfW unter anderem ein Photovoltaik-Projekt fördert.  Eine bewegende Dienstreise sagt Nagel, dem wichtig ist, "dass man da nicht abgehoben ankommt aus Deutschland."

Joachim Nagel beim Kicken im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari
Joachim Nagel beim Kicken im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari Bild © KfW

Man versuche ein Stück weit einzutauchen in das, was die Menschen dort bewege und mit welchen Problemen sie konfrontiert seien. Dabei hat Nagel auch erfahren, dass die allermeisten Flüchtlinge im Camp nicht - wie zum Teil in Deutschland befürchtet wird - nach Europa, sondern irgendwann zurück in die syrische Heimat wollen. Das sei auch der größte Wunsch der Kinder gewesen, die Nagel beim Fußballspielen kennengelernt habe.

Dinge nüchtern angehen

Vor der KfW war Joachim Nagel 17 Jahre lang bei der deutschen Bundesbank beschäftigt. Bevor er Vorstand wurde, leitete er den Krisenstab der Bundesbank. Das war während der weltweiten Finanzkrise vor rund zehn Jahren. Er sei dankbar für diese Zeit, sagt er: "Es war eine prägende Zeit. Vieles hat man mitgenommen, sich vielleicht nicht immer verrücktmachen zu lassen, auch Ruhe bewahren zu können, Dinge managen zu können."

Audiobeitrag
Joachim Nagel im Interview mit den hr-iNFO-Redakteuren Alexander Schmitt und Christoph Scheffer

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Aber es gebe auch eine andere Seite seiner Persönlichkeit, gesteht er. Seine Familie sage über ihn, er sei die Ungeduld in Person und auch die Kollegen bei der KfW wissen: "Der Nagel kann auch mal anders." Aber es helfe schon, "Dinge mit Nüchternheit anzugehen. Das hilft einem, Themen besser zu analysieren", so der 52-jährige gebürtige Karlsruher.

Die KfW, die heute 6000 Mitarbeiter an 80 Standorten beschäftigt, hatte sich vor zehn Jahren den Ruf als "dümmste Bank Deutschlands" erworben, weil man an die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers noch über 300 Millionen Euro überwiesen hatte, obwohl diese schon pleite war. Diese Schlagzeile wirkt bis heute nach, sagt Nagel. Er war damals noch bei der Bundesbank, aber die Lage sei schwierig zu überblicken gewesen: "Ich glaube, man darf nicht so überheblich sein und sagen, solche Fehler können einem selbst nicht passieren." Die KfW habe ihre Lektion gelernt.

Weitere Informationen

Das Interview führten Christoph Scheffer und Alexander Schmitt.

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Sendung: hr-iNFO Das Interview, 19.12.2018 15.20 Uhr

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