Johann Scheerer
Bild © Matthias Haslauer

Es war eine der spektakulärsten Entführungen Deutschlands: Am 25. März 1996 wurde der Hamburger Millionen-Erbe Jan Philipp Reemtsma verschleppt und kam nach einer Lösegelzahlung wieder frei. Sein Sohn Johann Scheerer, der damals 13 Jahre alt war, hat über die Ereignisse nun ein Buch geschrieben.

Erst war das Schweigen und Wegpacken, dann kam das Schreiben und nun das Reden. Es ist ein heilsamer Prozess für Johann Scheerer, der 22 Jahre nach der Entführung seines Vaters ein Buch geschrieben hat über das, was im Frühling 1996 passierte. "Wir sind dann wohl die Angehörigen" heißt es. Scheerer schreibt aus der Sicht des 13-jährigen Jungen, der er damals war – er schildert in kurzen knappen Sätzen, schnörkellos und mit sehr viel psychologischem Feingefühl, was sich damals in seinem Elternhaus abspielte, das für Wochen zu einer Art Einsatzzentrale der Polizei wurde - überall Beamte und Technik, alles verkabelt.

Ann Kathrin Scheerer
Die Ehefrau von Jan Philipp Reemtsma (l), Ann Kathrin Scheerer (M) , verläßt am Montag (27.1.97) nach ihrer Zeugenaussage im Entführungsfall den Verhandlungssaal des Hamburger Landgerichtes. Bild © picture-alliance/dpa

Er beschreibt das gruselige Geräusch des Stimmenverzerrers, wenn die Entführer anriefen, um neue Anweisungen durchzugeben, erzählt aber auch von der Angst und Ohnmacht, die er und seine Mutter Ann Kathrin Scheerer empfanden und von der besonderen Beziehung zum Vater, dem namhaften Literaturwissenschaftler und Mäzen, der aus der Geiselhaft Briefe schrieb. Für den 13-jährigen war damals klar, dass er den Vater nicht lebend wiedersehen würde, erzählt er: "Man kennt das ja nur aus dem Fernsehen oder aus Krimis, und da geht es nun mal meistens nicht gut aus."

Die eigene Geschichte aus dem Weg schaffen

Es ist auch die Geschichte des pubertierenden Teenagers, der gerade die Musik und das Gitarrespielen für sich entdeckt hatte und eigentlich dabei war, sich von den Eltern abzunabeln, es aber in dieser Ausnahme-Situation nicht konnte. Sich zurückzuversetzen in diese Zeit, sei ihm nicht schwer gefallen, sagt der Hamburger Musiker und Musikproduzent, vieles sei schon in seinem Kopf vorformuliert gewesen. Als dann ein Verlag bei ihm anfragte, ob er nicht ein Buch schreiben wolle über die Zusammenarbeit mit Pete Doherty, dessen letztes Solo-Album Scheerer produziert hatte, sei ihm klar geworden, dass er zunächst mal die eigene Geschichte "aus dem Weg schaffen" musste.

Johann Scheerer
hr-iNFO-Redakteurin Mariela Milkowa im Gespräch mit Johann Scheerer Bild © hr

Auf das Schweigen und den Prozess des Schreibens folgt nun das Reden, das sich, so Scheerer, "sehr gut, sehr befreiend und sehr normal" anfühle. Früher stand der sprichwörtliche "Elefant im Raum" zwischen ihm und den anderen. "Dieser Elefant im Raum steht symbolisch für ein Thema, von dem jeder weiß, was aber irgendwie nicht angesprochen wird", sagt Scheerer, "Ich habe die letzten 22 Jahre immer wieder damit verbracht, dieses Thema komplett aus meinem Leben auszuklammern." Aber ihm sei auch bewusst geworden: "Es lässt sich dann doch nicht wegpacken, weil vieles, was ich tue, wie ich aus mir heraus agiere, dann eben doch Verweise auf die Zeit damals mit sich bringt."

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„Ich habe die letzten 22 Jahre immer wieder damit verbracht, dieses Thema komplett aus meinem Leben auszuklammern.“ Zitat von Johann Scheerer, Musikproduzent
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Seine Mutter, Ann Kathrin Scheerer, hatte fünf Jahre nach der Entführung im Prozess gegen den Kopf der Entführer-Bande Thomas Drach gesagt: "Im Grunde dauert das Verbrechen noch an." So ein Trauma könne man nicht wirklich verarbeiten, meint auch Johann Scheerer: "Nein, das ist niemals abgeschlossen. Es ist ein Teil der Lebensgeschichte, die man nicht los wird." Aber das Schreiben und Reden hilft. Er möchte sich nicht einschränken lassen, "diesem Verbrechen nicht so einen großen Raum geben", sagt der 35-Jährige und kommt auf das Bild vom "Elefanten im Raum" zurück: "Den muss man wegschaffen, dann kann man drüber reden, dann wird's besprechbar, dann ist es weg."

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Mittwoch 21.03. um 19:35 Uhr
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Sendung, hr-iNFO, 21.3.2018, 19:35 Uhr

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