Blohm zwei
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Johannes Blohms Familie betreibt einen Ökohof im norddeutschen Stade. Sie klagt gegen die Bundesregierung, weil sie nicht genug gegen den Klimawandel tut und dadurch die Lebensgrundlage der Familie gefährdet.

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zum Artikel Johannes Blohm – Biobauer im Alten Land

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Zu den Jugend-Erinnerungen von Johannes Blohm gehören die Fahrten zum Markt, wo er zusammen mit seiner Schwester und seinem Vater Kirschen vom eigenen Hof verkauft hat. Bis vor zwei Jahren war das für ihn eine schöne Tradition. Dann kamen die Bilder, die er immer noch im Kopf hat:  "Wir haben die Kirschen ausgebreitet auf einer großen Platte und mittags um 13.00 Uhr, als der Markt zu Ende war, haben wir die Kisten wieder eingesammelt. Unter den Kisten war die Platte voller Maden. Das war das Jahr wo wir gesagt haben: Nee, das kann nicht mehr angehen, das können wir nicht mehr verkaufen, das können wir unseren Kunden auch nicht zumuten, wenn wir das selbst nicht mehr essen wollen und uns davor ekeln."

Kirschfruchtfliege: Vernichter ganzer Ernten

Die Kirschfruchtfliege hatte in den ungespritzten Früchten des Biohofs der Familie Blohm ideale Bedingungen für ihren Nachwuchs gefunden: Vier Hektar voller Bäume, Bäume mit dunkelroten, saftigen Kirschen - wie geschaffen für die Eier des Insekts. In Süddeutschland war die Kirschfruchtfliege schon länger als Vernichter ganzer Ernten gefürchtet. Mit den steigenden Temperaturen breitete sie sich auch nach Norden aus, erreichte Hamburg und schließlich auch das Alte Land an der Elbe, wo die Blohms ihren Hof bestellen.   

Johannes Blohm erzählt: "Wir sind seit 1999 ein Bioland-Betrieb und da gibt es leider keinerlei Möglichkeit, die Kirschfruchtfliege vorbeugend oder im Nachhinein tot zu spritzen. Uns blieb keine andere Möglichkeit, als die Kirschen zu roden. Die Bäume waren aus der eigenen Zucht, mein Vater hat die gepflanzt und gehegt und gepflegt und da fällt es einem schwer zu akzeptieren, die müssen jetzt das Zeitliche segnen. Das ging uns sehr nahe."

Blohm
Sohn Johannes, Papa Claus und Tochter Franziska Bild © Privat

Da, wo die Kirschbäume gefällt wurden, wachsen heute "Santana-Äpfel". Insgesamt bewirtschaften die Blohms 21 Hektar auf den guten Böden der Elbmarsch, nach dem Aus für die Kirschen konzentrieren sie sich auf den Anbau von Äpfeln. Dabei merken sie, dass die Ausbreitung der Kirschfruchtfliege nur eine Folge weit größerer Veränderungen ist. Im Sommer 2018 war die Sonneneinstrahlung so intensiv, dass die Äpfel Sonnenbrand bekamen, eine ledrige Haut, die die Kunden nicht schätzen. Im Frühjahr 2017 dagegen war es viel zu nass: Die Pflanzen wurden durch extreme Niederschläge, Hagel und Staunässe im Boden geschädigt.

Es gibt noch eine weitere Bedrohung für die Kulturlandschaft zwischen Hamburg und Stade. Bis zu einem Meter unter dem Meeresspiegel liegt das Alte Land, geschützt durch Deiche. Durch das Ansteigen des Meeresspiegels steigt auch das Risiko von Hochwasser und Sturmfluten. Für Johannes Blohm ist klar, dass diese Veränderungen weit mehr sind als nur Wetter-Kapriolen: "Für mich ist das eine Veränderung des Klimas, auf jeden Fall."

Klage gegen Bundesregierung

Familie Blohm ist schon jetzt massiv von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen und sie fühlt sich von der Bundesregierung im Stich gelassen. Denn die wird ihr selbst gestecktes Ziel nicht erreichen: den Ausstoß von klimaschädlichen CO2 bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Deswegen haben die Blohms zusammen mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace und zwei weiteren Familien Klage eingereicht. Vor dem Berliner Verwaltungsgericht soll es darum gehen, dass aus ihrer Sicht die Grundrechte zum Schutz von Eigentum, Beruf, Leben und Gesundheit bedroht sind. Weil die Klage sich gegen die Regierung als Teil der Verwaltung der Bundesrepublik richtet, liegt sie beim Verwaltungsgericht.

"Die Nutzungsmöglichkeiten ihres Eigentums werden durch den Klimawandel erheblich eingeschränkt", heißt es in der Klageschrift. Wenn Klimaschutz nicht "effektiv" betrieben werde, müssten die Bauern befürchten, ihre Betriebe "langfristig nicht wirtschaftlich betreiben zu können".

Für den 27 Jahre alten Johannes Blohm geht es bei der Klage nicht allein um den Prozess. Es geht ihm auch um Aufmerksamkeit für die Probleme, die seine Familie nur etwas früher treffen als andere: "Das ist eine Gelegenheit für uns, wo wir wirklich auch mal im großen Stil den Mund aufmachen können und sagen können, was wir hier jetzt für Probleme haben. Wenn das so weiter geht und die Erderwärmung weiter steigt, dann ist das ja so, dass wir auf unserem Betrieb keine Perspektive mehr haben. Jedenfalls nicht mit den Obstsorten, die wir seit mehreren hundert Jahren anbauen."

Sendung: hr-iNFO, 14.12.2018, 19.35 Uhr

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