Jonas Geißler

Das Vordrehen der Uhr an diesem Wochenende sei eines sicher nicht, sagt Zeitberater Jonas Geißler: eine Zeitumstellung. Denn es greife zu kurz, die Zeit mit der Uhr gleichzusetzen. Ein Gespräch über einen Zeitbegriff, der Mensch und Natur teuer zu stehen komme.

Wenn man die Frage nach der Zeit nicht mit Blick auf die Uhr beantwortet, kommt man schnell ins Philosophische. Was ist die Zeit? Jonas Geißler weiß zumindest, was sie nicht ist: Zeit sei nicht das, was wir zweimal im Jahr umstellen, sagt der Zeitberater und Autor. Trotzdem beschäftigt er sich regelmäßig damit, nicht nur weil Journalisten ihm Fragen dazu stellen. Es sei eine gute Gelegenheit, sich daran zu erinnern, "dass Uhr und Zeit zwei völlig unterschiedliche Dinge sind."

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel Das Interview mit Jonas Geißler

Jonas Geißler
Ende des Audiobeitrags

Es sei uns in Fleisch und Blut übergegangen, dass Zeit etwas sei, das man messen kann, doch man könne sie stattdessen auch als Leben definieren: "Das ist eine andere Vorstellung, die vielleicht andere Handlungen zur Folge hätte als 'Zeit ist Uhr'". Es ließe uns eher auf Zeiten blicken, die man nicht zählen kann: Zeiten der Liebe oder der Kontemplation etwa, der Muße oder des Schlenderns - die vielen nicht-messbaren Dinge eben, "die das Leben lebenswert machen", sagt Geißler.

"'Zeit ist Geld'-Logik kommt uns teuer zu stehen"

Über die "hartnäckige Illusion", dass Zeit Geld sei, hat er sogar ein Buch geschrieben - zusammen mit seinem Vater, ebenfalls Zeitforscher und emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik, und dem Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch: "Alles eine Frage der Zeit. Warum die 'Zeit ist Geld'-Logik Mensch und Natur teuer zu stehen kommt." Das Prinzip, möglichst viel Leistung pro Zeiteinheit zu bringen, habe viel Geld und Güterwohlstand produziert, sagt Geißler, er wolle es auch nicht verteufeln. "Aber momentan bringt es uns vor allem planetare Krisen ein."

Die Beschleunigung "nahe an der Lichtgeschwindigkeit" könne man eins zu eins mit Energie hinterlegen, meint Geißler, "und wenn man dann fragt, wo die Energie herkommt, dann sind wir relativ schnell daran, dass wir Energie, die über Jahrmillionen in den Erdboden eingespeichert wurde, innerhalb kürzester Zeit nutzen und verbrennen. Und die ökologischen Folgen, die daraus entstehen, kennen wir mittlerweile alle.“

Gegen den Rhythmus der Natur

Doch nicht nur die ökologische, sondern auch menschliche Krisen hängen mit dem Tempo unseres Lebens zusammen, sagt Geißler: Der Mensch sei als Teil der Natur rhythmisch organisiert, er werde abends müde und morgens wach, das Leben bestehe aus Wiederholungen. Ein gewisses Dehnungsspiel sei eingepreist, aber es gebe Grenzen – wie bei einem Gewässer, das man mit Schadstoffen belaste. „Das geht bis zu einem gewissen Grad, aber dann kippt es um. Und beim Menschen heißt dieses Umkippen, also das Missachten der eigenen Rhythmen, vor allem der regenerativen Rhythmen, dann eben Burnout.“

Wenn man Menschen an ihrem Lebensende nach der Zeit fragt, sagt Geißler, sei die Antwort oft ganz einfach: Was das Leben lebenswert macht, sei die Zeit, um gute Beziehungen zu leben, Zeit für sich und Zeit für die Familie. "Wenn wir dem eine höhere Wertigkeit geben als Statussymbolen, dann kann das ein Schritt in die richtige Richtung sein."

Weitere Informationen

Das Interview führte Stefan Bücheler.

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 26.3.2021, 19:35 Uhr

Jetzt im Programm