Jonas Urbat

Unterwegs sein, Musik machen, Menschen treffen und rausfinden, wie das Leben funktioniert: Das war sein Traum, sagt Jonas Urbat. Er ist klassisch ausgebildeter Musiker, doch statt eines großen Orchesters wählte er einen Bus und die Freiheit.

Manchmal ist der Friedhofs-Parkplatz ein guter, ruhiger Platz zum Übernachten. Wichtig ist das Bauchgefühl: Wenn das nicht stimmt, lieber noch mal weiterfahren und noch eine halbe Stunde warten. Dass im selbst ausgebauten Musiker-Bus ein mobiles Studio und zwei ausgewachsene Tuben ihren Platz finden, aber keine Dusche reinpasst, ist "ein Problem, für das es viele Lösungen gibt", sagt Jonas Urbat.

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Jonas Urbat
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Und so lädt sich der junge Mann entweder bei Freunden auf einen Kaffee und eine Dusche ein, fährt zu einer Autobahn-Raststätte oder nutzt die Bordmittel: "Wenn es draußen warm genug ist, dann mache ich mir ein bisschen Wasser warm, packe das in einen Kanister, hänge den an meinen Bus und dann wird darunter geduscht." Im Schnee geht das aber auch, sagt Urbat und muss lachen: "Es ist ein schönes Gefühl. Also heiß duschen im Schnee kann ich empfehlen."

Bus und Freiheit statt Orchester

Das Leben auf sechs Quadratmetern, Schlafen mit der Iso-Matte auf dem mehrteiligen, leicht verstaubaren Lattenrost, Kochen auf einem Gaskocher, der aus der Kiste kommt: Der reisende Musiker, Komponist, Produzent und Blogger zieht dieses Leben dem eines Orchestermusikers vor. Als studierter Tubist hätte er seinen Platz auch in einem klassischen Orchester finden können, im Warmen und mit festem Gehalt. Aber Jonas Urbat wählte den Bus und die Freiheit.

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Jens Urbat
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"Die Lust auf das Reisen, unterwegs sein, neue Dinge entdecken, vielleicht auch ein bisschen auch das Gefühl, sich nicht festlegen zu müssen", das reize ihn, sagt er. Er habe dieses Leben in seine "Projekte gegossen, meinen Beruf daraus gemacht. Ich hab gemerkt, mir geht es eigentlich darum, immer weiter zu lernen. Ich will immer weiter rausfinden, wie das Leben funktioniert, wie andere Menschen ihr Leben bestreiten, was sie denken, was sie für Ängste, Probleme, Inspiration, Visionen haben. Das ist der Antrieb."

Die eigene Wahrnehmung justieren

Seine Reisen führen den gebürtigen Schwarzwälder zu Konzerten in ganz Deutschland, manchmal einfach um Geld zu verdienen, oft um zu experimentieren und zu improvisieren. In eine gängige musikalische Schublade wie Pop oder Klassik passt das Wenigste. Sein Projekt "In Tuba Wild", das nicht zufällig so klingt wie "Into the Wild", entspricht dem, was den jungen Musiker bewegt: unterwegs sein, andere Menschen treffen, musizieren, sich austauschen, reden und verstehen.

Die Reise führte ihn schon nach Bosnien und Rumänien – gute Gelegenheiten, Vorurteile abzulegen und die eigene Wahrnehmung neu zu justieren. "Erst mal die Vorurteile, die ich selber mitgebracht habe und dann auch Menschen, die mir erzählt haben: 'Fahr da nicht hin, ich habe einen Kumpel, dem wurde da das Auto geklaut.'" Statt Kriminalität fand Jonas Urbat in Rumänien, in der Nähe von Hermannstadt, mit Emanuel einen kreativen Partner und ganz nebenbei noch einen der stillsten Orte, an denen er jemals übernachtet hat. Wichtig für einen, für den Musik sich aus der Stille entwickelt.

Gegen den Rechtsruck

In Erinnerung geblieben sind ihm die Gespräche mit den anderen Musikern. Dabei gehe es derzeit am Ende immer um ein Thema: "Was passiert eigentlich gerade mit unserem Empfinden von Toleranz und wie können wir dafür sorgen, da als Künstler ein bisschen was für die Offenheit zu tun? Was sind unsere Mittel, um etwas gegen den Rechtsruck zu tun? Der passiert ja nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa." 

Zitat
„Erst der Diskurs ist das, was zu guten Lösungen führt. Und das ist es, was verloren geht gerade.“ Zitat von Jonas Urbat
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Das Erstarken der Rechten bewegt den jungen Musiker. Er versucht zu verstehen, was Menschen dazu bewegt, intolerant zu werden. Er habe Angst davor, dass diese Entwicklung zu weit gehe, sagt er. "Dass irgendwann solche Menschen die Kontrolle haben über unser Leben, über die Politik, vielleicht auch über das Denken und dass man das nicht mehr aufhalten kann." Es sei wichtig, dass es sehr verschiedene Meinungen gibt, meint Urbat: "Dass es ein Spektrum von links bis rechts gibt in Politik und Meinung. Das sollte sich ausbalancieren. Erst der Diskurs ist das, was zu guten Lösungen führt. Und das ist es, was verloren geht gerade."

Sich nicht abschotten, einen ersten kleinen Schritt zu machen, zuzugehen auf die, die man nicht kennt oder nicht versteht - auch das ist es, was den jungen Musiker antreibt und was er auf seine Weise tut.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 12.2.2020, 19:35 Uhr

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