Juan Moreno deckte Ende 2018 einen der größten Skandale des deutschen Journalismus auf: die Manipulationen seines Kollegen Claas Relotius. Mit welchen Widerständen Moreno dabei zu kämpfen hatte, erzählt er jetzt in seinem Buch "Tausend Zeilen Lüge" – und in hr-iNFO Das Interview.

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Juan Moreno
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Die Geschichte von zwei Flüchtlingskindern, die unter elenden Umständen in der Türkei gestrandet sind; die Reportage von der Frau, die immer wieder bei Hinrichtungen in den USA als letzte Zeugin zuschaut; die Story von dem Kind, das mit einem Graffito den Syrienkrieg auslöste: Es sind solche Reportagen, mit denen Claas Relotius beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel erfolgreich war, für die er Dutzende Journalistenpreise bekam – und die allesamt abgeschrieben, gefälscht oder komplett ausgedacht waren.

Fake News – also erfundene Nachrichten mit dem Ziel der politischen Einflussnahme – seien das nicht gewesen, sagt Juan Moreno. Claas Relotius sei eher ein "klassischer Hochstapler", der geschrieben habe, was man von ihm hören wollte: packende Reportagen, die die Weltgeschichte an einzelnen Figuren festmacht. "Es gibt dabei nur ein Problem", sagt Moreno: "Das Problem heißt Wahrheit."

Zweifel kommen auf

Juan Moreno, 1972 in Spanien geboren, als Kind von "Gastarbeitern" in Hanau aufgewachsen, war seit gut zehn Jahren beim Spiegel, als er im Herbst 2018 mit Claas Relotius zusammenarbeiten sollte. Eine Reportage über die Flüchtlinge, die aus Mittelamerika die Grenze der USA erreichen wollen, sollten die beiden schreiben: Moreno aus Sicht der Flüchtenden, Relotius aus Sicht einer Bürgerwehr, die die Grenze "verteidigte".

Schon bald kamen Moreno Zweifel an den Texten seines Kollegen. Denn der hatte es angeblich geschafft, in wenigen Tagen das Vertrauen einer Truppe von selbsternannten Grenzschützern zu gewinnen, die sich beim Schießen auf Flüchtlinge zuschauen ließen.

"Kein Reporter, sondern ein Lügner"

Moreno recherchierte selbst und stellte fest: Relotius hatte offenbar weite Teile der Reportage abgeschrieben, erfunden und gefälscht. Doch Morenos Warnrufe wurden in der Spiegel-Redaktion zunächst nicht ernst genommen. Relotius selbst stritt alle Anschuldigungen ab und legte, wie sich zeigen sollte, gefälschte Beweise für seine angeblich saubere Recherche vor. Erst später gestand er, Dutzende Reportagen für den Spiegel und auch für andere Medien mehr oder weniger erfunden zu haben.

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Buchtipp

Das Buch von Juan Moreno "Tausen Zeilen Lüge - Das System Relotius und der deutsche Journalismus" ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

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Keine Generalabrechnung

"Relotius ist kein Reporter, sondern ein Lügner", sagt Moreno. Und doch ist sein Buch "Tausend Zeilen Lüge" keine Abrechnung mit seinem ehemaligen Kollegen, auch keine Abrechnung mit seinen Vorgesetzten. Moreno erzählt spannend von den eigenen Zweifeln, als er Relotius überführte, und macht sich Gedanken über den Zustand des Journalismus, in dem ein Betrüger wie Relotius Erfolg haben konnte.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 17.09.2019, 19.35 Uhr

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