Jürgen Margraf

Mit dem Coronavirus verbreitet sich auch die Angst in unserer Gesellschaft. Das sei grundsätzlich nichts Schlechtes, sagt Margraf. Problematisch werde es erst, wenn sie irrational wird.

"Nach der Corona-Krise werden wir alle besser wissen, worauf es ankommt und was wir aneinander haben", sagt Professor Jürgen Margraf. Der Psychologe wird häufig als Angstforscher bezeichnet, manchmal auch als Angstbezwinger, weil er sehr wirksame Therapien gegen Panikattacken entwickelt hat.   

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Aber er ist auch ein Mutmacher, der in der Masse der schlechten Nachrichten auch die positiven Aspekte nicht übersieht. Zum Beispiel, wenn es um den Umgang unserer Gesellschaft mit der neuen Bedrohung geht. Er habe den Eindruck, "dass wir als Gesellschaft insgesamt gut damit umgehen", sagt Margraf.

"Leute sind erstaunlich gelassen"

Die Leute seien erstaunlich gelassen, sie seien offener und würden sich eher anschauen und anlächeln. "Ich sehe, dass dieser Solidarsierungs-Effekt, der bei Krisen eintritt, tatsächlich schon wahrnehmbar ist." Auch wenn zum Beispiel im Netz Hilfe für die organisiert wird, die ihr Zuhause gar nicht mehr verlassen dürfen oder wollen.

Dass Menschen dennoch immer wieder auch von der Angst eingeholt werden, sieht der Psychologe nicht problematisch: "Angst ist ein gesundes Gefühl. Sie hat eine Funktion. Sie bereitet schnelles Handeln vor und warnt uns vor Gefahren. Wenn wir keine Angst haben, dann ist das nicht so gut."

"Irrationale Angst ist problematisch"

Allerdings kann Angst auch problematisch werden. Wenn sie irrational ist, wenn die Ursachen eigentlich gar nicht stark genug sind. "Angst wird dann zum Problem, wenn man sie nicht mehr aushalten oder kontrollieren kann, wenn man darunter leidet oder wenn sie uns davon abhält, die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, zu erfüllen."

Lange vor solchen Angststörungen kommt derzeit die Angst in kleinen Wellen, etwa ein stärkeres  Erschrecken als gewohnt, vielleicht auch nur, weil das W-Lan mal ausfällt. "Das ist eine völlig verständliche Reaktion", meint Margraf. "Wenn eine Reihe von Belastungen gleichzeitig kommt, dann reagiert man stärker - erstmal. Langfristig gibt es dann eher so eine Art Gewöhnungseffekt."

Nicht in Angst suhlen

Die Empfehlung ist: "Lassen Sie das ruhig zu, aber suhlen Sie ich nicht in Ihrer Angst. Fangen Sie schon gar nicht an, sich darüber Gedanken zu machen, was es bedeutet, dass Sie Angst haben. Machen Sie sich keine Meta-Sorgen, also keine Sorgen über die Sorgen."  

Bleibt die Frage, ob wir uns mit einem Keller voller Konserven und - na klar - Toilettenpapier von unseren Ängsten und Sorgen befreien können. Professor Jürgen Margraf ist skeptisch: "Wenn ich Dinge hamstere, führt das in der Regel nicht dazu, dass ich mich sicherer fühle, sondern nur dazu, dass ich die ganze Zeit darüber grübele, ob ich denn wirklich von allem alles habe, ob ich genug habe - und das wird man nie haben."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 20.3.2020, 19:35 Uhr

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