Juliane Kronen
Dr. Juliane Kronen Bild © Selina Pfrüner

Jedes Jahr werden in Deutschland fabrikneue Waren mit kleinen Mängeln im Wert von über sieben Milliarden Euro vernichtet, sagt Juliane Kronen. Um etwas gegen diese Verschwendung zu tun, hat sie die gemeinnützige Organisation "innatura" ins Leben gerufen. Sie vermittelt die Waren an soziale Einrichtungen.

Alles begann mit Shampoo: Als die Kölner Betriebswirtin und Unternehmensberaterin Juliane Kronen einen Anruf bekam, ob sie nicht jemanden kenne, der 200.000 neue, aber falsch etikettierte Shampoo-Flaschen gebrauchen könne, die sonst im Müll landen würden, wurde sie auf das Problem aufmerksam.

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Das Shampoo konnte sie zwar nicht mehr retten, aber es war ein Schlüsselerlebnis für sie, das ihr ganzes Leben veränderte: "Ich habe einfach gedacht, das kann nicht wahr sein, die einen wollen spenden, die anderen brauchen es dringend, und die kommen nicht zusammen - wie zwei Königskinder."

Sie recherchierte, wie häufig neuwertige Produkte entsorgt werden und wie groß das Problem eigentlich ist: "Wir haben ausgerechnet, dass in Deutschland im Jahr für über sieben Milliarden Euro fabrikneue Konsumgüter entsorgt werden." Davon sei etwa ein Drittel einwandfrei verwendbar für den sozialen Bereich.

80 Unternehmen machen mit

Das Thema ließ sie nicht mehr los, erzählt Juliane Kronen. "Sie können nicht mehr sagen, ich ignoriere das, dass jeden Tag entsorgt wird, was gebraucht wird." Das Nachdenken über eine Lösung fiel auf "fruchtbaren Boden", wie sie erzählt, denn sie saß schon damals in der Jury, die jedes Jahr den sogenannten "Alternativen Nobelpreis" verleiht – an Menschen, die mit ihren Projekten versuchen, die Welt ein wenig besser zu machen. Nun fühlte sie sich selbst herausgefordert.

Die erfolgreiche Unternehmensberaterin entschied sich zu handeln und ein innovatives soziales Unternehmen zu gründen. Ihr war klar, dass man sowas nicht nebenberuflich machen kann. 2013 rief Juliane Kronen die gemeinnützige Organisation "innatura" ins Leben, die aussortierte, aber neuwertige Waren von Unternehmen an soziale Einrichtungen vermittelt.

80 Unternehmen, darunter die Beiersdorf AG, Procter & Gamble oder Amazon, beliefern die Initiative mit fabrikneuen Produktspenden, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr für den Verkauf bestimmt sind – zum Beispiel falsch etikettierte oder abgefüllte Waren, Saisonartikel, Übermengen aus dem Lager oder auch Retouren.

Umsatzsteuer entfällt, wenn Waren im Müll landen

Im Kölner Zentrallager von "innatura" stapeln sich Paletten mit rund 1.500 verschiedenen Artikeln wie Waschmittel, Körperpflegeprodukte, Spielzeug oder Haushaltsartikel. Über einen digitalen Katalog können als gemeinnützig anerkannte Organisationen dann entsprechende Produkte ordern. "innatura" übernimmt gegen eine kleine Bearbeitungsgebühr die gesamte Logistik für die Spender, holt, sortiert und lagert die Produkte, berät bei der Abwicklung und prüft die Empfänger. Ein Großteil der Abnehmer sind Einrichtungen in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

Dass Unternehmen neuwertige Waren mit kleinen Mängeln lieber entsorgen als sie zu spenden, hängt mit dem deutschen Steuersystem zusammen. Denn die Finanzämter bewerten Sachspenden wie einen Umsatz, auf den die Firma Umsatzsteuer zahlen muss. Für Produkte, die im Müll landen, entfällt die Umsatzsteuer. Juliane Kronen kritisiert das: "Es kann nicht sein, dass Unternehmen bestraft werden und dass Entsorgen um ein vielfaches billiger ist." Umso mehr freut sie sich, dass sich die Politik nun endlich um das Thema kümmere, wie die aktuelle Debatte um die massive Retourenvernichtung im Online-Handel zeige.

"Unternehmen nicht fürs Spenden bestrafen"

Nach einem Vorstoß der Grünen will die Bundesregierung die Vernichtung von Rücksendungen im Online-Versandhandel erschweren. Katrin Göring-Eckardt, die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, hatte ein Wegwerfverbot von Retouren gefordert. In Deutschland landen jedes Jahr vier Prozent der zurückgeschickten Artikel im Müll, das sind rund 20 Millionen Artikel. Jetzt will Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) offenbar eine "Obhutspflicht" verankern mit dem Ziel, rechtlich gegen die "unmittelbare Vernichtung von Retouren oder sonstiger Neuwaren vorgehen zu können." Außerdem werde für zurückgesandte Neuwaren, die als Sachspenden weitergegeben werden, eine Befreiung von der Umsatzsteuer geprüft.

Juliane Kronen findet diesen Vorstoß "wahnsinnig gut". Sie fühlt sich bestätigt, denn sie schreibe seit Jahren Politiker an und mache auf das Problem aufmerksam. "Insofern jubele ich absolut, aber bitte nur dann, wenn diese Umsatzsteuerbefreiung für alle gespendeten Produkte gilt, nicht nur für die Retouren." Denn die Retouren-Vernichtung sei nur ein Bruchteil des Problems.

Um Unternehmen nicht mehr dafür zu "bestrafen", dass sie spenden wollten, sollte man mit Sachspenden genauso umgehen wie mit Lebensmittelspenden, die nicht besteuert würden, wenn man sie beispielsweise an die Tafel spende, findet Juliane Kronen: "Die richtig elegante Lösung wäre zu sagen, ich gebe bei der Spende von Nicht-Lebensmitteln das gleiche Wahlrecht wie bei Lebensmitteln, dann kann ich es wirklich wie eine Entsorgung abschreiben."

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