Juna Grossmann
Juna Grossmann betreibt den Blog "irgendwie jüdisch". Bild © Juna Grossmann

Am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Heute – 80 Jahre danach – denken immer mehr Juden darüber nach, Deutschland zu verlassen. Zu ihnen gehört auch die Bloggerin Juna Grossmann.

"Du siehst ja gar nicht jüdisch aus!" Das hört Juna Grossmann immer wieder. Mit ihren langen blonden Zöpfen ist sie tatsächlich weit entfernt von gängigen Klischees und Vorurteilen über Juden. "Die haben natürlich schwarze Haare zu haben und dunkle Augen, es ist absurd", sagt Grossmann. Sogar auf die berühmte "Judennase" sei sie schon angesprochen worden. 

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Die Bloggerin will sich nicht hinter ihren blonden Zöpfen verstecken und gibt sich selbst als Jüdin zu erkennen – mit einem Davidsstern-Anhänger zum Beispiel oder als ehrenamtliche Referentin beim Projekt "Rent-A-Jew" ("Miete einen Juden!"). Das ist die provokant-witzige Einladung, echte Juden in Schulen oder Jugendgruppen zu holen, die etwas über Religion, Kultur und Alltag von Juden in Deutschland erzählen.

Antisemitische Akademiker

Auch im  Internet gewährt Grossmann Einblicke in ihren Berliner jüdischen Alltag – mit ihrem Blog "irgendwie jüdisch". Ein Angebot zum Austausch, das aber immer öfter missbraucht wird, um Hass und Drohungen gegen die Bloggerin loszulassen. "Jeder Brief ist ein Stich. Die wollen vielleicht gar nicht mich als Person treffen, aber irgendwen, der jüdisch ist", sagt Grossmann. Erschreckend war für sie, dass da auch und gerade Akademiker ihrem Antisemitismus freien Lauf lassen.

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Einschneidend und beängstigend war für Grossmann das Jahr 2014, als bei Demonstrationen zum Gaza-Konflikt auch die Parole "Juden ins Gas!" gerufen wurde und es keine Konsequenzen gab. Die Autorin will dabei nicht mit dem Finger auf Muslime zeigen. Die meisten von ihnen seien nicht antisemitisch, betont sie, und der Antisemitismus begegne ihr aus allen Richtungen. Immer öfter überlege sie jetzt, wann es Zeit sei, Deutschland zu verlassen: "Wenn es um mein Leben geht oder wenn ich hier nichts mehr tun kann, dann bin ich weg!", sagt sie. Dabei will sie eigentlich gar nicht weg. Deutschland ist ihr Land, Berlin ihre Stadt.

Hoffnung hat ihr zuletzt die Berliner Großdemonstration im Oktober unter dem Motto "unteilbar“ gemacht: "Da haben viele Menschen begriffen, dass es nicht nur ein Problem der Minderheiten ist, die sich darum kümmern müssen. Da müssen wir einfach alle anpacken!"

Sendung: hr-iNFO, 9.11., 19.35 Uhr

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