Kai Maaz

Am Montag beginnt ein ungewöhnliches Schuljahr im Zeitalter der Corona-Pandemie. Die Krise hat einige Fragen zum Thema Bildung aufgeworfen. Professor Kai Maaz kann dazu viel sagen. Denn er ist nicht nur einer der einflussreichsten deutschen Bildungsforscher, er hat auch selbst eine ziemlich ungewöhnliche Bildungsbiografie.

Experte für Bildung zu sein, das macht einen nicht zu einem besseren Lehrer. Kai Maaz gibt das offen zu. Denn der Geschäftsführende Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation ist auch Familienvater von 8-jährigen Zwillingen. Als im Frühjahr die Schulen geschlossen werden mussten, hieß das auch für ihn und seine Ehefrau: Homeschooling. "Als Eltern ist man in einer ganz anderen sozialen Funktion als Lehrkräfte. Das wissen auch die Kinder." Und so wurde sich auch bei Familie Maaz daheim "gerieben", gibt der 47-jährige zu.

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Im Rückblick seien von Schulen und Politik viele Fehler gemacht worden. Keiner sei auf die Situation vorbereitet gewesen – was man aber niemandem vorwerfen könne. Aber einigen Schulen sei es bis zum Beginn der Sommerferien nicht wirklich gelungen, mit der Situation adäquat umzugehen. Mit teils dramatischen Folgen. Der Bildungsrückstand sei momentan noch nicht konkret zu beziffern. Doch der Experte vermutet, dass die Leistungsspreizung größer geworden ist. Vor allem bei Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft.

Herausforderungen nicht mehr wegdrücken

Kai Maaz kann dem Bildungs-Lockdown auch Positives abgewinnen. Die Herausforderungen, die schon lange im Bildungssystem vorhanden waren, könne jetzt keiner mehr "wegdrücken". Ungleichheit nach sozialer Herkunft, ungleiches Leistungsvermögen - und nicht zuletzt die verschlafene Digitalisierung der Schulen müsse endlich vorankommen.

Es gehe dabei aber nicht darum, Tablets für alle anzuschaffen. Man müsse auch ein Konzept haben, was man damit anfangen wolle. Digitales und Analoges müssten verschmelzen – wie es im Alltag längst der Fall sei. Gleichzeitig müsse nicht alles digital sein. Kinder und Jugendliche bräuchten auch analoge Erfahrungsräume.

Bildungsforscher mit ungewöhnlicher Bildungsbiografie

Kai Maaz glaubt auch daran, dass das deutsche Bildungssystem noch durchlässiger werden kann. Es brauche mehr Flexibilität, mehr Möglichkeiten, einmal getroffene Entscheidungen auch wieder zu ändern.

Und er weiß, wovon er spricht. Als Kind von Facharbeitern machte der Brandenburger noch zu DDR-Zeiten eine Lehre als Werkzeugmacher. Nach der Wende folgte das Abitur an der Abendschule, Erststudium der Sozialpädagogik, Zweitstudium Sozialwissenschaften. Heute ist der Professor einer der einflussreichsten Bildungsforscher Deutschlands. Und doch sieht er klar, dass solche Chancen immer noch zu wenige haben. "Da ist in den letzten Jahrzehnten schon viel passiert. Aber trotzdem haben wir den Zusammenhang zwischen der eigenen sozialen Herkunft und dem späteren sozio-ökonomischen Erfolg bei Weitem noch nicht so entkoppelt, dass man zufrieden sein kann".

Kai Maaz erklärt das ruhig, sachlich, gelassen. Eine Ruhe, die ihm auch die Kolleginnen und Kollegen nachsagen. Er habe auch nicht den Anspruch, Deutschlands impulsivster Bildungsforscher zu werden. Und was ihn aus der Ruhe bringt, das wüssten die eigenen Kinder ziemlich gut.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 14.8.2020, 19.35 Uhr

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