Blonde Frau in rotem Anzug an Beton-Brüstung

Karoline Preisler weiß, wie sich eine Covid-19-Erkrankung anfühlt. Nach einem mittelschweren Verlauf hat sie an die Vernunft der Corona-Demonstranten appelliert - und will deren Kritik trotzdem ernst nehmen.

Rund 40.000 Menschen haben am vergangenen Wochenende in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Darunter waren Eltern mit ihren Kindern, Impfgegner, Hooligans und Reichsbürger. Das Bild der wehenden Reichsflaggen vor dem Reichstagsgebäude ist um die Welt gegangen. Und eine Frau, die FDP-Landespolitikerin und Juristin Karoline Preisler, stand vor dem Brandenburger Tor und stellte sich den Demonstranten entgegen. Um den Hals trug sie ein Schild: "Ich hatte Covid-19 und mache mir Sorgen um Euch."

Noch heute Spätfolgen

Karoline Preisler war im März an Covid-19 erkrankt. Sie habe einen mittelschweren Verlauf gehabt, sagt sie im Gespräch mit hr-iNFO. Richtig schlecht sei es ihr drei Tage gegangen. "Ich habe eingeatmet, aber die Luft kam nicht mehr an. Irgendwann lag ich zu Hause, dann wurde ich unklarer und meine Kinder haben mich auf der Schwelle meines Zimmers gefragt, ob ich noch da bin. Dann haben sie meinen Mann über diese 'Lebendkontrolle' unterrichtet. Das war hart." Auch ihr Mann, der FDP-Bundestagsabgeordnete Hagen Reinhold, war an Covid-19 erkrankt, verbrachte seine Quarantäne aber zunächst in Berlin.

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Als Karoline Preisler dann ins Krankenhaus kam und sechs Tage auf einer Isolierstation verbrachte, ging es ihr schnell wieder besser. Aber noch heute leidet sie unter den Spätfolgen, auch wenn sie von "Zipperlein" spricht. Ihr sind die Haare ausgefallen, sie hat Atemprobleme und litt unter Sprachstörungen. Ähnlich wie beim Tourette-Syndrom tauchte plötzlich in jedem ihrer Sätze "Brandenburg", später "Zähneputzen" auf. "Meine Kinder haben es hart gefeiert. Aber mich hat es eiskalt erwischt. Mich hat keiner vorgewarnt, weil keiner diese Folge kannte."

Corona-Kritiker nicht pauschal verurteilen

Auf die Demonstration in Berlin ist Karoline Preisler gegangen, weil sie gelesen hatte, dass infizierte Männer das Covid-19 Virus auf der Demonstration bewusst verteilen wollten. Da habe sie gedacht, wenn sie wenigstens ein paar von ihnen überzeugen könnte, eine Maske zu tragen, dann sei das schon ein Erfolg. Wirklich viele sei sie von ihren 75 Masken aber nicht losgeworden.

Karoline Preisler glaubt, dass Corona-Kritiker nicht pauschal verurteilt werden dürfen. Es sei falsch und arrogant, sie "Covidioten" zu nennen. Jeder der Demonstranten habe einen guten Grund gehabt, die Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen zu besuchen. Denn in einer Demokratie sollte es selbstverständlich sein, alle Corona-Maßnahmen zu hinterfragen.

Ringen um den richtigen Weg

Die 49-Jährige glaubt, wir müssen um den richtigen Weg in der Corona-Pandemie ringen. Sie hält es im Nachhinein für einen Fehler, dass der Einzelhandel geschlossen wurde oder dass zeitweise gar keine Besuche mehr in Alten- und Pflegeheimen möglich waren. Vieles, was heute erlaubt sei, geht in ihren Augen aber gar nicht: Hochzeitsfeiern etwa mit 150 Gästen ohne Abstandsregeln oder Maskenpflicht. Das erlaubt die schwarz-gelbe Regierung in Nordrhein-Westfalen. Trotzdem fühlt sie sich in der FDP richtig. Es gehe jetzt darum, Verantwortung für andere zu übernehmen.

"Diese Verantwortung, die man nicht nur für sich, sondern auch für andere übernimmt, die ist die DNA meiner Partei. Gerade auch dieses Streiten um Standpunkte, dieses Ringen um den richtigen Weg gehört zu den Liberalen." Karoline Preisler plädiert dafür, sich der Kritik an den Corona-Maßnahmen zu stellen.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 04.09.2020, 19:35 Uhr

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