Katharina Nocun

Der Glaube an Verschwörungstheorien sei kein Randphänomen, sagt Katharina Nocun. Sie setzen an psychologischen Bedürfnissen an, die wir alle haben – etwa dem Wunsch nach einem klaren Schuldigen, schreibt die ehemalige Piratenpolitikerin in ihrem aktuellen Buch zum Thema. Im Umgang mit solchen „Fake Facts“ rät sie zu frühem Widerspruch und sieht auch die Schulen in der Pflicht.

Eines ist für Katharina Nocun mittlerweile klar: Verschwörungstheorien findet sie nicht zum Lachen, auch wenn es noch so absurde geben mag. Etwa dass die Welt eine Scheibe sei. Dafür sind ihr mögliche Konsequenzen einfach zu ernst: Wenn Menschen zum Beispiel „Attentatsvorstellungen gegen die NASA hegen, weil sie denken, die NASA verschweigt uns etwas.“

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Und auch sie selbst sei schon Gegenstand von Verschwörungserzählungen geworden, erzählt die Politikwissenschaftlerin und frühere Piratenpolitikerin, die in Kattaschas Blog über Datenschutz, Privatsphäre im Netz und über Politik in einer vernetzten Welt schreibt. Immer wieder erhalte sie wütende Zuschriften, in denen zum Beispiel stehe: „Die scheinst ja ganz nett zu sein, ich habe Dich im Fernsehen gesehen. Aber die bezahlen dich ja dafür, dass du das sagst, du musst das ja sagen.“ Häufig entwickelten die Absender einen Hass auf sie, weil sie ihren Erzählungen widerspricht. „Und manchmal kommen dann auch richtige Drohungen.“

Kein Randphänomen

Deshalb ist die 34-Jährige auch vorsichtig mit dem, was sie über sich in der Öffentlichkeit preisgibt. Stattdessen spricht sie lieber über ihre Arbeit, etwa zu Verschwörungserzählungen. Gemeinsam mit Pia Lamberti hat sie vergangenes Jahr das Buch „Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ herausgebracht - kurz nach Beginn der Corona-Pandemie. Pünktlich, könnte man meinen, schließlich ranken sich um die Pandemie auch zahlreiche Verschwörungsmythen.

Eines der Ergebnisse der Forschung von Katharina Nocun zeigt sich dann auch durch Corona häufig: Der Glaube an Verschwörungen sei kein Randphänomen, viele seien dafür anfällig. Der Grund: „Studien zeigen, dass Verschwörungserzählungen an psychologischen Bedürfnissen ansetzen, die wir alle haben.“ Etwa den Wunsch nach Kontrolle in Situationen, die nicht einfach zu kontrollieren sind. Auch der Wunsch danach, einen klaren Schuldigen zu haben, spielt in Verschwörungserzählungen eine Rolle. Statt eines Virus', das anonym ist, muss da schon mal Bill Gates als treibende Kraft der Pandemie herhalten.

Vorratsdatenspeicherung als Ansporn

Der Hang zur genauen Analyse scheint Katharina Nocun in die Wiege gelegt zu sein, die Mutter ist Datenbank-Administratorin, der Vater IT-Projektmanager. „Zumindest haben sie eine Mitschuld“, lacht Nocun. Schon früh gibt es zu Hause einen Computer und Internetanschluss - zu einer Zeit, als das noch eine Rarität ist.

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Buchtipp

„Fake Facts- Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“
Katharina Nocun, Pia Lamberty
Quadriga Verlag

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Der Ansporn, sich auch politisch zu engagieren, kam dann 2006: In Deutschland wurde über die Vorratsdatenspeicherung nachgedacht, Telefon- und Internet-Anbieter sollten sensible Daten verdachtsunabhängig für einige Zeit speichern. „Ich fand das unglaublich übergriffig. Ich habe mir gedacht: Wie kann so etwas von der Politik diskutiert werden und es gibt noch keine Massendiskussionen?“ Es folgten unter anderem das Engagement in der Piratenpartei und "Kattaschas Blog".

„Je früher man anfängt, desto größer die Erfolgschancen.“

Zu frühem Widerspruch rät Nocun auch bei Verschwörungstheorien. Wenn jemand diese zum Beispiel in den Familienchat schickt, dann sollte man direkt reagieren, aufklären, Faktenchecks schicken. Denn „wenn Menschen sich über Monate hinweg in ihrem Glauben gefestigt haben, dann ist es unglaublich schwierig, mit Argumenten noch durchzudringen.“ Je mehr sich Menschen, etwa in Telegramgruppen, radikalisierten oder gar in sektenähnliche Bewegungen wie Q-Anon eintauchten, desto schwieriger werde es, sie zu überzeugen.

Vor allem, weil es zu vielen Verschwörungstheorien gehört, neben Antisemitismus auch von Wissenschafts- und Medieverschwörungen zu sprechen. „Je früher man anfängt, desto größer die Erfolgschancen.“ Für die Zukunft wünscht sich Katharina Nocun deshalb auch, dass bereits in der Schule über Verschwörungstheorien gesprochen wird. „Was wir brauchen, ist tatsächlich eine Impfung gegen Desinformation, Falschmeldungen und Verschwörungserzählungen – und zwar durch Bildung.“

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Das Interview führte Anne Baier.

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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 26.02.2021, 19:35 Uhr

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