Kathrin Kunkel-Razum, Germanistin und Duden-Chefredakteurin

Sternchen oder kein Sternchen, gendern oder nicht gendern? Das ist ein Thema, das die Gesellschaft immer mehr zu spalten scheint. Das erlebt auch Duden-Chefredakteurin Kathrin Kunkel-Razum. Eine klare Antwort auf diese Themen gebe es aber (noch) nicht.

Es war wahrscheinlich eine kalkulierte Provokation, als vor einigen Tagen der AfD-Politiker Jürgen Braun die Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth mit "Frau Präsident" ansprach und einen Ordnungsruf von Roth als Antwort kassierte. Es zeigt aber sehr deutlich: Sprache polarisiert. Das hat auch Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Dudens, erlebt: "Ich arbeite jetzt lange genug beim Duden, um zu wissen, dass Sprachthemen für Aufregung sorgen."

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Aber war es 'falsches Deutsch' Frau Präsident zu sagen? Darauf hat die Germanistin Kunkel-Razum überraschenderweise keine eindeutige Antwort; "Wir haben hier einen Übergang von einer traditionelleren Form Präsident zu Präsidentin." Tatsächlich verwies Claudia Roth auch auf einen internen Bundestags-Beschluss, der besage, dass für vorsitzende Frauen im Bundestag das Wort Präsidentin gebraucht werden muss. "Wir würden als Duden-Redaktion auch diese Anrede empfehlen", sagt Kunkel-Razum, aber eine klares Richtig oder Falsch gebe es schlicht nicht.

Überraschende Grauzonen

Dass solche Grauzonen in der deutschen Sprache Verwunderung hervorrufen, erlebt sie immer wieder: "Das ist ganz spannend, das denken viele Menschen, dass da alles festgezurrt ist. Das ist aber nicht der Fall." Die klare Ausnahme bilde die Ortographie, "da haben wir das amtliche Regelwerk."

Das sieht zum Beispiel keinerlei Zeichen im Wortinneren vor, wie etwa das Gendersternchen. Ob die Verwendung ebendessen aber einen Rechtschreibfehler darstellt, werde noch heftig diskutiert. "Wir raten als Duden-Redaktion zunächst immer einmal dazu, alle andere Möglichkeiten auszuschöpfen." Also etwa von Lehrkräften zu sprechen, statt von Lehrerinnen oder Lehrern. Das habe auch den Vorteil, dass nicht nur männliche und weibliche Personen angesprochen würden. "Es geht ja beim Gendern darum, Personen aller Geschlechtsidentitäten anzusprechen".

Fleißarbeit für Gerechtigkeit

Um auch ohne Gendersternchen zumindest etwas gerechter bei der Behandlung der Geschlechter zu werden, passt die Duden-Redaktion viele Einträge gerade an: Waren bisher Definitionen nur bei den männlichen Varianten und unter der weiblichen Variante nur der Verweis "weibliche Form zu …" zu finden, werden jetzt die Definitionen jetzt auch bei den weiblichen Varianten ergänzt.

Eine ziemliche Fleißarbeit, schließlich geht es um rund 24.000 Wortpaare, gibt Kunkel-Razum zu. Das sei aber sinnvoll, einerseits aus Gründen des Nutzer-Komforts, andererseits, weil sonst "die weibliche Form nicht als vollwertig betrachtet wird, sondern eben nur als eine abgeleitete Form. Und diese Kritik konnten wir nachvollziehen."

"So viele schöne Wörter"

Langweilig wird es der promovierten Germanistin in ihrem Beruf offenbar nicht. Seit 1997 ist sie Chefredakteurin des Duden-Verlags. Damals zog sie mit ihrer Familie um, aus Spanien nach Heidelberg, und machte sich auf Stellensuche: "Der Duden hatte damals seinen Sitz noch in Mannheim, das liegt 20 Kilometer auseinander." Rein pragmatisch sei die Jobwahl aber nicht, auch wenn sie gezielt darauf hingearbeitet habe: "Für eine Sprachwissenschaftlerin ist das natürlich ein Traumjob."

Aber was sind eigentlich aus den rund 148.000 Wörtern in der aktuellen Druck-Ausgabe des Duden ihre Lieblingswörter? Die Antwort fällt ihr schwer, "weil so viele schöne Wörter drinnen stehen." Aber Kunkel-Razum legt sich doch fest: "Die Augenweide, das mag ich einfach sehr." Und auch bei den neueren Begriffen hat sie einen Favoriten: "Das Wort aus dem Dänischen, das wir seit 2017 im Duden verzeichnet haben, nämlich Hygge."

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Das Interview führte Uli Höhmann

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Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 31.03.2021, 19:35 Uhr

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