Die Schriftstellerin Kati Naumann
Kati Naumann reflektiert in ihrem Buch ihre Kindheit in der DDR Bild © Clementine Künzel

In ihrem Roman 'Was uns erinnern lässt' verarbeitet Kati Naumann ihre eigenen Kindheitserlebnisse - und ein bislang wenig bekanntes Kapitel der DDR-Geschichte: die Zwangsumsiedlungen.

Wenn man Kati Naumann fragt, woran sie sich als erstes erinnert, wenn sie an ihre Kindheit im DDR-Grenzgebiet denkt, hat sie vor allem ihre naturverbundenen Großeltern und den Thüringer Wald vor Augen. "Als wir noch klein waren, sind meine Schwester und ich in Leiterwagen gepackt worden und von unseren Großeltern durch den Wald gezogen worden", erzählt sie.

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Schriftstellerin Kati Naumann mit einer Landkarte in der Hand

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Naumann erinnert sich an glückliche und idyllische Kindertage in Sonneberg, wo ihre Großeltern in einem fünf Kilometer breiten Sperrgebiet wohnten. Die "andere Seite" sei ihr als Kind völlig normal vorgekommen: dass sie immer einen Passierschein beantragen mussten, um ins Grenzgebiet zu kommen. Und dass sie sich bei der Polizei melden mussten, die das Leben im Sperrgebiet auf Schritt und Tritt kontrollierte.

Zusammen mit den Großeltern habe sie in den Bergen dennoch ab und zu mal rüber nach Coburg auf die bayerische Seite geschaut. "Ich habe dann immer versucht, einen Regenbogen oder ein Flimmern zu sehen, weil ich immer dachte, das ist der Westen und das müsste man doch sehen", sagt sie. "Aber es sah halt auch nicht anders aus."

Im Morgengrauem kamen Polizei-Lkw

Als ihre Mutter starb und die letzte Verbindung in den Thüringer Wald abriss, wollte Kati Naumann diese Erinnerungen an ihre Kindheit in einem Buch verarbeiten. Bei ihren Recherchen stieß sie auf ein weitgehend unbekanntes Kapitel DDR-Geschichte: Ab den 1950er Jahren kam es im Sperrgebiet der DDR zu Zwangsumsiedlungen.

Tausende Menschen, die als politisch 'unzuverlässig' eingestuft wurden, wurden in Nacht-und-Nebel-Aktionen aus dem Grenzgebiet abtransportiert, erzählt Naumann. "Da sind früh im Morgengrauen Polizei-Lkw vorgefahren, die Menschen sind aus ihren Häusern geholt und in abgedunkelten Lkw weggefahren worden. Sie haben Todesangst gehabt, weil sie dachten, sie werden nach Sibirien geschickt oder kommen ins Gefängnis."

In den Orten, wo man sie hingebracht habe, seien sie als "Verbrecher aus dem Grenzland" angekündigt worden, was es ihnen schwer gemacht habe, dort Fuß zu fassen. "Das ist ein gut gehütetes Geheimnis gewesen", sagt die Leipziger Autorin; den Betroffenen sei verboten worden, darüber zu sprechen.

Ein Trauma, das Familien begleitet

Kati Naumann ist heute mit Tobias Künzel, einem der Frontmänner der Band 'Die Prinzen', verheiratet, lebt in Leipzig und London und hat zwei erwachsene Töchter. Für ihre Buch-Recherchen reiste sie zurück in den Thüringer Wald und quartierte sich in einem kleinen früheren Grenzort ein, um mit Zeitzeugen zu sprechen.

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Buchtipp

Kati Naumann: "Was uns erinnern lässt"
Harper Collins, 20 Euro

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"Ich habe mit Leuten gesprochen, die wirklich selbst eine Zwangsaussiedlung erlebt haben", sagt sie. Das sei ein Trauma, das die Familien begleite - auch noch in die nächste Generation. Die Betroffenen litten bis heute unter dem Verlust der Heimat. "Ich finde, wir müssen das aufschreiben, solange die Menschen uns davon erzählen können", so die Autorin.

Vor dem Hintergrund des Jubiläums '30 Jahre Mauerfall' bekommt Kati Naumanns Roman 'Was uns erinnern lässt' eine ganz besondere Brisanz. Die Gespräche mit den Zeitzeugen hätten sie selbst und ihren Blick auf die DDR sehr verändert, sagt sie. Und ihr sei klar geworden, dass sie ihre Kindheit in der DDR ein Stück weit verklärt habe: "Ich habe zu wenig gefragt und als Kind und Jugendliche die Dinge sehr als gegeben hingenommen und bin ein bisschen von mir selbst entsetzt".

Wende: "Wie von einer Besatzungsmacht übernommen"

Im Interview erinnert sie sich an die friedliche Revolution im Herbst 1989, wo sie mit ihrer Familie an den Montagsdemos in Leipzig teilnahm, und an die Zeit des Umbruchs nach der Wende: "Wir haben uns schon auch so gefühlt, als seien wir von einer Besatzungsmacht übernommen worden", konstatiert Naumann.

Die DDR sei nicht nur die Partei oder die Stasi gewesen. Es habe auch andere Werte gegeben, die es wert gewesen wären, bewahrt zu werden. Diese Werte seien aber auch "negiert" worden. "Ich glaube, auch der Verlust von Heimat spielt eine große Rolle", meint Kati Naumann. Das alles trage dazu bei, dass die Mauer in den Köpfen zwischen Ost und West immer noch da sei.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 07.08.19, 19:35 Uhr

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