Katja Maurer, Haiti-Beauftragte bei medico international

Nach dem Erdbeben von 2010 strömten internationale Helfer nach Haiti. Katja Maurer arbeitet für die Hilfsorganisation medico international. Sie erinnert sich noch gut daran, wie präsent sie auf den Straßen waren. Zehn Jahre später sei von ihnen keiner mehr da.

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Als Weiße fällt man inzwischen auf in Haiti! - Das sagt Katja Maurer und sie weiß wovon sie spricht: Sie arbeitet in der Pressestelle von medico international und berichtet regelmäßig aus Haiti. Noch im Herbst letzten Jahres war sie in Port-au-Prince, der Hauptstadt des armen Karibikstaates. Wenn sie sagt, es sei keiner mehr da, dann meint sie die unzähligen Helfer und Organisationen, die nach dem Erdbeben von 2010 ins Land strömten.

Verschwunden sind auch viele Millionen an Hilfsgeldern. Geblieben ist die Tatsache, dass es den Haitianern zehn Jahre nach der Katastrophe, bei der mehr als 300 000 Menschen starben, nicht besser geht.

Ein Land in Aufruhr

Als Katja Maurer im September letzten Jahres in Port-au-Prince landete, kam sie in ein Land in Aufruhr. Es war ihr Glück, dass Freunde sie am Flughafen abholten. Sie wussten, wo Straßensperren aufgebaut waren, wo die Barrikaden brannten. Sie kannten einen sicheren Weg ins Hotel.

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Buchtipp

Katja Maurer: "Haitianische Renaissance"
Brandes & Apsel Verlag, 19,90 Euro

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Denn die Haitianer tragen ihre Wut auf die Straßen, sie haben Hunger, es fehlt ihnen an allem.  Die Proteste der Haitianer richten sich vor allem gegen Staatschef Jovenel Moïse, dem Korruption und Veruntreuung von Hilfsgeldern vorgeworfen wird. Katja Maurer kennt die Forderungen der Protest-Bewegung: "Es muss jetzt Transparenz her, es müssen Leute verurteilt werden für den Missbrauch der Gelder. Sie haben wirklich einzeln nachgewiesen: Was sollte eigentlich gebaut worden sein, dann haben sie die Bauruinen abfotografiert. Und das ist der Grund, warum man jetzt auch fordert, dass der derzeitige Präsident Moïse zurücktreten soll, weil man ihm persönlich nachgewiesen hat, dass er sich auch an diesen Geldern extrem bereichert hat."

Die Armen gehen leer aus

Es ist also keine Hunger-Revolte, die den Karibik Staat lahmlegt, nicht nur der Protest gegen die drastische Erhöhung des Benzinpreises. Der aktuelle Protest in Haiti hat in Katja Maurers Augen eine neue Qualität: "Was jetzt passiert, ist dass jetzt zum ersten Mal eine große Bewegung Rechenschaft fordert.  Fordert, dass eine juristische Verurteilung geben soll und das halte ich für sehr sehr wichtig."

Nach dem Erdbeben von 2010 ist es nicht gelungen, Haiti besser zu machen. 10 Milliarden Dollar hatte die internationale Staatengemeinschaft für Nothilfe und Wiederaufbau versprochen. Bei den Armen ist davon nicht viel angekommen.

Hilfsgelder flossen wieder an reiche Geberländer

Katja Maurer kritisiert, dass ein Großteil der Hilfsgelder wieder zurück in die reichen Geberländer geflossen ist. "Wir haben einen Niedergang Haitis in einem unbeschreiblichen Ausmaß und meiner Meinung nach können wir das nicht nur auf Haiti schieben." Eine Studie des "Centers for Economy and Policy Research" in Washington stützt ihre Kritik: So kamen von den 2,3 Milliarden Dollar, die bis Januar 2019 über USAid für Haiti ausgegeben wurden, weniger als drei Prozent bei Haitianischen Organisationen oder Firmen an. Viele Millionen flossen in Projekte von amerikanischen Companies. Und Projekte scheiterten: Ein prominentes Beispiel dafür ist der Hafen und das Industriegebiet Caracol im Norden Haitis. 2012 feierlich eröffnet, gedacht als die Keimzelle eines Haitianischen Wirtschaftswunders: "Diese Idee ist vollkommen gescheitert. Den Hafen gibt es nicht, es sind die Leute, die die Ländereien dort hatten – Kleinbauern – enteignet worden. Also wieder sind Leute vom Land vertrieben worden."

Und das ist es, was Katja Maurer wirklich empört: Mehr als 300 Familien, Kleinbauern, die sich vorher noch selbst hatten ernähren können, mussten weichen. Im Industriegebiet siedelte sich ein koreanischer Textilbetrieb an, der gute Geschäfte macht und Näherinnen zu Niedriglöhnen beschäftigt. Von den ursprünglich anvisierten  65 000 Arbeitsplätzen im Industriepark ist Caracol weit entfernt, knapp 10.000 Jobs wurden geschaffen. Der Hafen ist bis heute nicht gebaut, das Wirtschaftswunder ist ausgeblieben.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 10.1.2020, 19:35 Uhr

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