Katrin Behr
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Katrin Behr wird in der ehemaligen DDR zwangsadoptiert. Damals ist sie vier Jahre alt. Viele Jahre später macht sie sich auf die Suche nach ihrer "echten" Familie. Dabei muss sie allerdings feststellen, dass Mutter und Tochter nach so einer langen Trennung nicht mehr ganz zusammenwachsen können.

Mit 50 Jahren, nachdem sie ihre eigene Geschichte in einem Buch erzählt hatte und nun schon seit Jahren andere Betroffene berät, dachte Katrin Behr sie "wäre damit durch". Sie dachte, sie hätte das Trauma ihrer Zwangsadoption verarbeitet. Aber nun stellt sie fest: "Interessanterweise kommt so seit einem Jahr ungefähr das Thema bei mir plötzlich wieder hoch, wo ich doch verschiedene Sachen wieder anders betrachte. Man kann natürlich das Historische sehen, dann kann man vom Verstand her ziemlich viel ableiten, aber trotzdem: Innendrin ist ja immer dieses kleine Kind, was diese Schreckensszenarien im Kopf hat und nicht verliert. Und da kommt jetzt ziemlich viel Wut hoch."

Zitat
„Innendrin ist ja immer dieses kleine Kind, was diese Schreckensszenarien im Kopf hat und nicht verliert.“ Zitat von Katrin Behr, Autorin
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Wut auf den Unrechts-Staat, dessen Gesetze zuließen, dass sie von ihrer Mutter getrennt wurde. Wut auf die Menschen, die im Februar 1972 im Morgengrauen an die Wohnungstür hämmerten und die Familie auseinanderrissen und ihre Mutter ins Gefängnis brachten.

Wut auf die Mutter

"Und dann ist auch 'ne Wut da, auf die Mutter ein bisschen. Obwohl ich mich gar nicht daran erinnern kann, dass ich damals wütend war, aber je mehr ich meine Geschichte, das Emotionale aufarbeite, desto mehr merke ich das auch, dass ich ihr vorwerfe (…) dass sie mich (durch in Verhalten) in Gefahr gebracht hat. Dieses kleine Mädchen sagt schon: Das find' ich voll doof was du damals gemacht hast!"

Katrin Behr Cover neu
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Ihre damals 24 Jahre junge Mutter war nach dem Paragraphen 249 des Strafgesetzbuches verurteilt worden, dem "Asozialenparagraphen". Die meisten Kindesentzüge folgten einer Verurteilung nach diesem extrem schwammigen Passus im Strafgesetzbuch der DDR.

Arbeitsverweigerung oder "asoziales Verhalten" reichten für eine Verurteilung: Katrin Behr glaubt heute, dass ihre Mutter in die so genannte "Assifalle" getappt ist. Sie hatte sich abfällig gegenüber dem Regime geäußert und darüber geredet, "abhauen zu wollen". Außerdem wollte die Alleinerziehende wegen ihrer Kinder nicht im Schichtdienst arbeiten und fand keine Arbeit. Die Staatsorgane hatten genug für eine Verurteilung.

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Podcast

zum Artikel Katrin Behr - Gründerin des Vereins "Hilfe für die Opfer von DDR-Zwangsadoptionen"

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Trennung vom Bruder

Katrin Behr wurde auch von ihrem Bruder getrennt und kam in ein Heim: "Im Heim war ich immer das Kind der Staatsverräterin. Das war ganz, ganz schlimm. Ich hab mich da wie eine Aussätzige gefühlt. (…) Ich wollte lieber sterben als weiter so zu leben."

Erst als sie 1975 von einer linientreuen Familie adoptiert wird, erlebt sie so etwas wie eine normale DDR-Kindheit. Vergessen kann sie nie. Erst viel später, als sie selber eine Familie gegründet hatte, fängt sie an, nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen. Nach 19 Jahren treffen sie sich wieder – fast ein Happy End: "Ich hab sie dann gedrückt und dann war es so: Jetzt ist sie wieder da! Ich hab dann meine Nase bei ihr zwischen Ohrläppchen und Hals so drangelegt und hab geschnuppert und gesagt: Das ist sie!"

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Opfer von Zwangsadoptionen

Bis heute ist unklar, wie viele Menschen in der DDR Opfer von Zwangsadoptionen wurden: Zwischen 1950 bis 1991 gab es 75.000 Adoptionen, 7000 davon ohne Einverständnis. Wie viele davon politisch motiviert waren, weil der Staat Kinder von kritischen, nicht linientreuen Eltern trennte, lässt sich nicht sagen. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZFF) hat jetzt eine Vorstudie über die "Dimension und wissenschaftliche Nachprüfbarkeit von politisch motivierten Adoptionen in der DDR von 1966-1990" veröffentlicht. Danach sind bislang nur sieben Fälle wissenschaftlich eindeutig belegt. Katrin Behr und die Opferverbände haben eine ganz andere Einschätzung: Sie gehen davon aus, dass zusammen mit den Angehörigen etwa 10.000 Menschen betroffen sind.   

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Die Freude ist groß bei Mutter und Tochter. Später müssen die beiden aber erleben, dass nicht mehr ganz zusammenwächst, was der Unrechts-Staat zerrissen hatte. Katrin Behr ist hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu den Adoptiveltern und der leiblichen Mutter. Versuche, beide Seiten zusammen zu bringen, scheitern.

Inzwischen nutzt Katrin Behr ihre eigenen Erfahrungen, um anderen Betroffenen zu helfen. Ihr Verein "Hilfe für die Opfer von DDR Zwangsadoptionen" hat ein Online-Portal und eine Beratungsstelle eingerichtet.

Es ist ein kleiner Triumph für Katrin Behr, dass ihr Arbeitsplatz jetzt in dem Gebäude in Berlin ist, in dem zu DDR-Zeiten die Staatssicherheit ihren Sitz hatte: "Wenn die jetzt wüssten, dass wir hier sitzen … die würden sich, glaub' ich, im Grab rumdrehen."

Sendung, hr-iNFO, 05.04.2018, 19:35 Uhr

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