Katrin Linke und Karsten Brensing

Er schwamm durch die Donau nach Jugoslawien. Sie wurde von zwei Urlauberinnen unter der Autorückbank versteckt. Den Erfurtern gelang 1989 die Flucht aus der DDR. Jetzt haben sie ihre Geschichte aufgeschrieben.

"Ich hatte das Gefühl, dass ich mich nur als Mensch realisieren kann, wenn ich das in einem freieren Land mache", sagt Karsten Brensing. Er habe inspiriert durch die Fernsehserie "Flipper" immer davon geträumt, Meeresbiologe zu werden. Doch das war ihm in der DDR nicht möglich.

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Katrin Linke versteckt sich auf ihrer Flucht aus der DDR unter der Rückbank zweier Urlauberinnen
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Ähnlich erging es seiner Frau Katrin Linke, die davon träumte Medizin zu studieren, aber keinen Studienplatz bekam, weil sie wie Karsten Brensing Familienmitglieder hatte, "die über Ausreiseantrag raus gegangen sind und auch solche die im Gefängnis saßen." Sie habe damals festgesteckt in der Situation und sagt: "das war letzten Endes der Grund zu sagen, ich muss hier weggehen."

"Freie Fahrt für freie Bürger"

Den Sommer vor 30 Jahren werden die Erfurter Katrin Linke und Karsten Brensing wohl nie vergessen. Im August 1989 gelingt ihnen auf getrennten Wegen die Flucht aus der DDR. Katrin Linke wird in Ungarn von zwei westdeutschen Urlauberinnen über die Grenze mit nach Österreich genommen – versteckt unter der Rückbank ihres Autos.

"Wir standen an der Grenze und es ging ein junger Grenzpolizist rund um das Auto und guckte rein von außen," erzählt sie. Da sei die Angst gewesen, dass er sagt: Alles aufmachen und auspacken! "Dann auf einmal schrien meine Befreierinnen: freie Fahrt für freie Bürger, wir haben’s geschafft! Und dann habe ich auch mitgebrüllt. Ich konnte es erstmal gar nicht glauben.“

"...sich ein Leben aufzubauen"

Ihr Partner schwimmt von Ungarn durch die Donau ins ehemalige Jugoslawien. "Das war Robinson Crusoe-like. Da war praktisch eine Insel in der Mitte der Donau und die hatte wirklich goldgelben Sandstrand. Und ich bin da dann drauf auf allen Vieren" erinnert sich Karsten Brensing. Er hatte Glück, weil auf der Insel zwei Angler waren, die dort Urlaub machten. "Und die haben mich an den jugoslawischen Grenzern vorbei in die nächste Stadt gebracht."

Kurze Zeit später trifft sich das Paar in Gießen im Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge wieder. Happy End nach etlichen missglückten Fluchtversuchen, die sie im Sommer 1989 quer über den Ostblock geführt haben.

Katrin Linke und Karsten Brensing stürzen sich in ihr neues Leben, kommen schnell an im Westen. "Wir haben uns jetzt auch nicht so eine falsche Vorstellung gemacht", sagt Katrin Linke rückblickend. "Wir haben einfach gewusst, wir werden für unser Geld was tun müssen, das kriegen wir nicht geschenkt. Da ging’s darum, zu studieren, vorwärts zu kommen, sich ein Leben aufzubauen.“

Auch verrückte Ziele erreichen

Die beiden sind damals Anfang 20 und dankbar für die Chancen, die ihnen die neue Freiheit bietet. Studieren, Reisen, Karriere machen. Katrin Linke studiert Biologie und arbeitet als Wissenschaftsjournalistin. Karsten Brensing wird Meeresbiologe und Verhaltensforscher, schreibt Sachbuchbestseller über das Leben der Tiere. "Es war die Erfüllung unserer Träume", sagt er.

"Wir hatten die Vorstellung, dass das andere falsch ist, sowohl politisch als auch individuell. Plötzlich war diese Welt genauso wie wir sie uns auch vorgestellt hatten: Wir konnten reisen, wir konnten, wenn wir uns angestrengt haben, auch verrückte Ziele erreichen."

Grenzen werden wieder aufgebaut

Das Paar reist um die Welt, verbringt ein Jahr in Florida um Delfine zu erforschen, bekommt zwei Söhne. 2008, gut 20 Jahre nach der Wende, geht die Familie zurück in die alte Heimat nach Erfurt. Ironie des Schicksals? Oder Heimweh? Zufall, sagen die beiden, die Familie habe dort einfach ihr Traumhaus gefunden. Allerdings mache ihnen die politische Entwicklung in Thüringen große Sorgen, vor allem das starke Abschneiden der AfD bei der Landtagswahl.

"Meine erste Reaktion war: Ich muss wieder packen, ich muss wieder weg", erzählt Katrin Linke, denn sie wolle "nicht verortet werden als Teil dieser Sache und das wird man ja auch automatisch, wenn man sagt, wo man herkommt. Ich habe vor denen große Angst, weil offensichtlich dieser Populismus anzieht und das finde ich sehr erschreckend." Ihr Mann Karsten Brensing fügt hinzu: "Die Grenzen, die wir damals aufgemacht haben, die Europa ermöglicht haben, die werden plötzlich wieder aufgebaut, da kriege ich einen Schauer."

Weiter zusammenwachsen

Katrin Linke und Karsten Brensing wollen etwas tun dagegen. Zum 30. Jubiläum der Wiedervereinigung im kommenden Jahr planen sie ein sogenanntes "Picknick ohne Grenzen", sagt Katrin Linke: "Ich möchte alle, die geflüchtet sind – 1989 oder auch zur ganzen innerdeutschen Zeit – einladen, damit wir ein Fest der Wiederbegegnung feiern können, danke zu sagen vor allem und eben wirklich ein Zeichen zu setzen: lasst weiter zusammenwachsen, was zusammen gehört und baut Grenzen ab statt auf."

Mit dieser Aktion hoffen Katrin Linke und Karsten Brensing übrigens auch ihre eigenen Fluchthelfer von damals zu finden, um sich bei ihnen zu bedanken. 

Weitere Informationen

Über diese Facebook-Seite suchen Katrin Linke und Karsten Brensing Fluchthelfer von damals

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Buchtipp
Katrin Linke und Karsten Brensing
"Eine Liebe ohne Grenzen"
Bastei Lübbe Verlag
22 Euro

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 08.11.2019, 19.35 Uhr

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