Kilian Riedhof

In seinem neuen Film "Meinen Hass bekommt Ihr nicht" erzählt Kilian Riedhof die wahre Geschichte eines Mannes, der bei den Terroranschlägen 2015 in Paris seine Frau verliert und sich mit seinem Sohn zurück ins Leben kämpft. Im Interview spricht der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Drehbuchautor über zerstörerischen Hass und Liebe als Antwort, die Bedeutung von Kino heute und südhessische Kochkäseschnitzel.  

Corona habe ihn selbst auch verändert, sagt Filmemacher Kilian Riedhof: "Es ist nach der Pandemie das Problem, dass man gewisse Gewohnheiten wieder ablegen muss." Zum Beispiel die Gewohnheit, auf der Couch zu sitzen und Serien zu streamen, bekennt er. "Aber ich würde wieder viel lieber öfters ins Kino gehen. Kino ist wichtig, wir müssen das machen."

In dieser Woche (10.11.) startet Riedhofs neuer Film "Meinen Hass bekommt ihr nicht" bundesweit in den Kinos. Als Vorlage für den Film diente das autobiografische Buch des französischen Journalisten Antoine Leiris (gespielt von Pierre Deladonchamps), der bei den islamistischen Terroranschlägen am 13. November 2015 seine Frau Hélène verlor. Sie wurde im Musikclub Bataclan getötet.

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"Das Interview" mit Kilian Riedhof als Podcast

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Dem Hass mit Liebe und Leben begegnen

Im Film zeigt Riedhof, wie Leiris mit dem kleinen Sohn Melvil zurückbleibt und versucht, irgendwie weiterzuleben. Er antwortet in einem bemerkenswerten Facebook-Post auf den Schrecken des Terrors und schreibt: "Meinen Hass bekommt ihr nicht". Antoine Leiris will keine Wut und keinen Hass zulassen und sich von den Attentätern nicht die Freiheit nehmen lassen. Dieser Post wurde hundertausendfach geteilt und auf den Titelseiten der größten Zeitungen weltweit abgedruckt.  

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Kinotipp: "Meinen Hass bekommt ihr nicht"

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Riedhofs Tante machte ihn auf das gleichnamige Buch von Leiris aufmerksam, das wenig später erschien. "Ich war wirklich überwältigt davon, wahrscheinlich weil der Stoff so unheimlich nah an unserem eigenen Leben dran ist", erzählt der renommierte Regisseur und Drehbuchautor. Er selbst sei verheiratet und habe eine Tochter, die fast genauso alt sei wie Melvil: "Das ging mir dann auch sehr zu Herzen, diese Geschichte." Zugleich habe es ihn sehr berührt, "wie der Vater mit seinem Sohn zu einer tapferen Einheit werden und sich eben nicht unterkriegen lassen, sondern dem Hass mit Liebe und Leben begegnen", sagt Riedhof.

Wahrhaftigkeit erzielen

Ihm sei sofort klar gewesen, dass er diesen Stoff verfilmen müsse, grade auch aus der Perspektive des Opfers. Die Antwort auf Terrorismus und Hass liege für ihn eben auch in der Familie, in der Hinwendung zueinander.  "Hass ist etwas, wenn man ihm nachgibt, dann ist es ein Gefühl, was nicht endet, sondern es ist wie eine Spirale und es frisst uns am Ende auf." Man müsse nur ins Internet schauen, wo Hass allgegenwärtig sei. "Da ist es wichtig, dass wir sagen 'Stopp, wir machen nicht mit, sondern wir setzen das, was wir lieben, entgegen'", sagt Riedhoff.

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Der vielfach ausgezeichnete Filmemacher und Grimmepreisträger ist überzeugt davon, dass "Meinen Hass bekommt ihr nicht" nun auch im Kino sein Publikum finden wird, auch wenn das Thema Terrorismus für viele in diesen schwierigen Zeiten zunächst mal abschreckend klingen könnte. "Unser Film behandelt ein schweres Thema, aber er erzählt es nicht schwer, sondern er macht eben auch Hoffnung", ist Kilian Riedhof überzeugt. "Ich glaube, dass wir in Zeiten leben, in denen sich Menschen schon sehr ernsthaft mit Dingen beschäftigen, die sie berühren und sich auch berühren lassen wollen." Auch er möchte Menschen mit seinen Filmen vor allem berühren. "Und mir geht’s drum, Wahrhaftigkeit zu erzielen", sagt er.

Kochkäseschnitzel macht warm ums Herz

Seine Filme behandeln oft ein Stück Zeitgeschichte. Kilian Riedhof greift gern echte historische Geschehnisse auf, wie zum Beispiel im Polit-Thriller "Der Fall Barschel" oder im Geiseldrama "Gladbeck". Auf die Frage, was ihn an solchen Stoffen reizt, sagt er im Interview mit hr-iNFO: "In Zeitgeschichte verbirgt sich natürlich viel über unsere Welt und wir leben in einer sehr politischen Welt, die sich grade wieder öffnet aus dem privaten in die Öffentlichkeit, und in diesen Geschichten kann man ganz viel erkennen, was uns betrifft in unserem öffentlichen Leben." Bestimmte Mythen wie der Fall Barschel oder Gladbeck haben hätten ihn nicht losgelassen, er wolle sich dann damit konfrontieren und die Wahrheit darin entdecken. "Das heißt auch immer, ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit neu zu ergründen", findet er.

Kilian Riedhofs Persönlichkeit wurde entscheidend auch von seiner Heimat Südhessen geprägt. Als er während des Gesprächs ein Rezept für Kochkäseschnitzel in der Interview-Box findet, wird ihm ganz warm ums Herz. Er wurde 1971 in Seeheim-Jugenheim geboren und ging in Bensheim zu Schule, wo er Theater spielte und im Chor sang. "Das hat mich schon sehr geprägt und ohne das hätte ich, glaube ich, meinen Beruf nicht ergriffen", sagt er. Schon als kleiner Junge trat er mit einem Kasperletheater vor seinen Eltern auf und versuchte, "maximal in seinen Figuren zu leben". Die ersten Filme, die er dann später drehte, waren Krimis, die auf abenteuerliche Weise zustande kamen.  

Kino gibt Menschen eine Identität

Auch ihn treibt, wie viele andere Kulturschaffende, gerade die Sorge um, dass vor allem kleinere Kinos, Theater oder Veranstaltungsorte schließen müssen, weil das Publikum wegbleibt. "Wir müssen die Kinos unterstützen", fordert Riedhof, "denn sonst verschwindet diese Kultur". Gerade das Kino gebe Menschen eine Identität, "und diese Identität brauchen wir grade, weil unsere demokratische Kultur extrem attackiert wird - nicht nur durch Terrorismus, auch durch Aggressoren aus dem Ausland, wie die Russen zurzeit grade. Durch Kultur können wir uns vergegenwärtigen, wer wir sind und welche Werte wir verteidigen. Deswegen ist Kino, Theater und Musik so elementar wichtig und muss unterstützt werden von der Politik."

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