Kristina Hänel
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Die Ärztin Kristina Hänel informierte auf ihrer Internetseite über Schwangerschaftsabbrüche, die sie auch anbietet. Dafür wurde sie zu einer Geldstrafe verurteilt. Nun will sie ihr Urteil anfechten und dafür zur Not bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Stefan Bücheler hat sie zum Interview getroffen, um mit ihr über ihre Motivation zu sprechen.

hr-iNFO: Wäre es nicht viel einfacher gewesen, die Inhalte über Schwangerschaftsabbruch von der Homepage Ihrer Praxis zu nehmen und darauf zu setzen, dass sich Frauen auch woanders informieren können? Da hätten Sie sich viel Ärger erspart. 

Kristina Hänel: "Tja wenn das einfach ist, wenn man immer den Weg des geringeren Widerstands geht, dann würde sich die Welt ja nie verbessern. Es versteht ja heute kaum noch jemand, dass Frauen sich nicht im Netz informieren dürfen über einen Schwangerschaftsabbruch und zwar bei denen, die es am besten wissen, nämlich die Ärztinnen und Ärzte, die es machen."

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hr-iNFO: Welche Reaktionen spüren Sie, seitdem Sie mit diesem Fall so bekannt geworden sind?

Kristina Hänel: "Ganz überwiegend positive. Es gibt ganz viele Menschen, die mich unterstützen, die mich aufmuntern. Interessanterweise sind es auch viele ältere Menschen, die noch die illegale Zeit erlebt haben. Die illegale Abbrüche unter Lebensgefahr hinter sich gebracht haben oder dass die Mutter verstorben ist bei einem Abbruch. Und das sind halt Eindrücke, Lebensgeschichten von Menschen, die mir jetzt aus dem Altersheim schreiben. 'Frau Hänel halten Sie durch. Sie müssen was ändern, das kann so nicht weitergehen.' Und das ist meine Kraft, da nehme ich meine Kraft her. Es gibt auch Hassmails. Ich habe auch rechtsradikale Mails. In denen steht, dass mir jemand in meine 'Semiten-Hackfresse' hauen möchte. Und es gibt ja vieles in der Argumentation, was hasserfüllt ist und was ja mit Logik und Vernunft und Aufklärung nicht mehr zu greifen ist."

hr-iNFO: Ein Argument für die Beibehaltung des Paragraphen 219a ist, dass die Hürden hoch bleiben müssen, dass Abtreibungen nicht wie eine normale Dienstleistung beworben werden dürfen. Weil sonst – so die Befürchtung – Männer und Frauen allzu leichtfertig mit der Abtreibung umgehen. Können Sie das nachvollziehen?

Kristina Hänel: "Nein, das kann ich überhaupt gar nicht nachvollziehen. Kommt mir sehr elfenbeinturmmäßig vor. Das kann ja nur von Menschen gesagt werden, die sich nicht in der Lage fühlen oder sehen, sich hineinzuversetzen in jemand, dem das passiert – eine ungewollte Schwangerschaft. Und ein Schwangerschaftsabbruch wird nie normal sein – am allerwenigsten normal für die betroffene Frau. Und das finde ich so sehr entwürdigend, dass man überhaupt so über Frauen sprechen kann."

hr-iNFO: Seit 30 Jahren sehen Sie betroffene Frauen in Ihrer Praxis. In welcher Verfassung erleben Sie sie?

Kristina Hänel: "Die meisten sind sehr, sehr traurig. Viele sind hochgradig ambivalent. Und es ist immer ein schwerer Schritt. Es ist niemals normal für eine Frau, einen Schwangerschaftsabbruch zu machen. Sie weiß immer, dass es um werdendes Leben geht. Das ist einer Frau sehr wohl bewusst und mir als Ärztin ist es auch sehr wohl bewußt. Aber es ist eben eine Abwägung, von dem was sie im Leben leisten kann und ob sie ein Kind auf die Welt bringen kann oder nicht. Und Frauen entscheiden da sehr sehr verantwortungsvoll.“

 Sendung: hr-iNFO, 22.8.2018, 19:35 Uhr

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