Kurt Beck
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Das Attentat auf dem Berliner Breitscheidplatz war der bislang schwerste islamistische Anschlag in Deutschland, zwölf Menschen wurden getötet. Verletzte, Hinterbliebene und Rettungskräfte kämpfen noch heute mit den Folgen. Deutschland war nicht wirklich vorbereitet, sagt Beck in hr-iNFO.

Als Kurt Beck von Bundesjustizminister Heiko Maas gefragt wurde, ob er nach dem Anschlag die Aufgabe des Opferbeauftragten übernehmen wolle, habe er sich kurz Bedenkzeit erbeten, dann aber gleich gewusst: "Zu so etwas kann man nicht nein sagen: Wenn man helfen kann, dann muss man es versuchen."

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Am Mittwoch hat Beck seinen Abschlussbericht vorgelegt, hat mit vielen Bundestagsabgeordneten über erste Maßnahmen gesprochen, im Minutentakt Fragen der Journalisten beantwortet. Im Gespräch mit hr-iNFO berichtet er über Gespräche mit Hinterbliebenen und Angehörigen der Opfer des Terroranschlags, die ihn nächtelang nicht haben schlafen lassen: "Ich denke an die junge Frau, die gerade ihr Studium begonnen hat und beide Eltern verloren hat und ganz allein da stand. Oder der Besuch bei einem Schwerstverletzten, der ein Leben lang wahrscheinlich schwerstbehindert bleiben wird – außer Augenbewegungen geht nichts."

Wut auf Behörden

Man merkt: Die Rolle des Opferbeauftragten hat ihn mitgenommen, er legt die Stirn immer wieder in Falten, wenn er spricht. Er erzählt, dass es in den vielen Begegnungen mit den Angehörigen zunächst darum ging, da zu sein, zuzuhören und die betroffenen Menschen zu unterstützen, auch finanziell. Die Gemütslage der Hinterbliebenen beschreibt der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland Pfalz als eine "Mischung zwischen Entsetzen, Trauer und Wut" – Wut darüber, dass die Behörden nicht in der Lage waren, den islamistischen Anschlag auf dem Breitscheidplatz zu verhindern, obwohl der Täter Anis Amri als Top-Gefährder bekannt war und lange observiert wurde. Wut auch darüber, dass bei den Ermittlungen so viele Pannen passierten und Fehler bei den Behörden offenbar auch vertuscht wurden.

Keine leichte Aufgabe, da vermittelnd tätig zu werden. "Man kann sich nur entschuldigen", sagt Beck, "und die Betroffenheit der Angehörigen weitertragen." Es sei aber inzwischen bei den deutschen Sicherheitsbehörden viel passiert, betont der Opferbeauftragte. "Ich hoffe ausreichend viel, um eine solche Wiederholung eines Fehlverhaltens zu vermeiden."

Die Wut, die sich die Familien der zwölf Todesopfer in einem offenen Brief von der Seele schrieben, richtete sich auch gegen Angela Merkel. Sie beklagten darin nicht nur eine "mangelhafte Anti-Terror-Arbeit in Deutschland" sondern auch, dass die Kanzlerin "ihrem Amt nicht gerecht geworden sei". Erst ein Jahr nach dem Anschlag wird Merkel zum ersten Mal Angehörige zu persönlichen Gesprächen treffen.

Unsensibler Umgang mit Angehörigen

In vielen Gesprächen wurde Kurt Beck auch immer wieder geschildert, wie man nach dem Anschlag mit den Angehörigen umgegangen sei - zum Teil sehr unsensibel. Nach dem Anschlag müssen sich chaotische Dinge abgespielt haben. Manche hätten tagelang nicht gewusst, ob ihre Angehörigen unter den Verletzten oder den Toten waren, berichtet Beck. Sie seien tagelang durch Berliner Kliniken umher geirrt auf der Suche nach ihren Liebsten.

"Eine furchtbare Situation", meint der Opferbeauftragte, "zu all diesen Erfahrungen mache ich jetzt in meinem Abschlussbericht den Vorschlag, dass vor Ort eine gut sichtbare Ansprechstelle mit Besetzung durch Polizei und Rettungskräften, aber dass dort auch schon psychologische Betreuung und notfalls Seelsorge da ist, die die Leute auch auffangen."

"Finanzielle Entschädigungen erhöhen"

Beck sagt ganz klar, dass viele Fehler gemacht worden sind: "Wir waren ganz offensichtlich nicht ausreichend vorbereitet in Deutschland." Und er fordert: "Das muss man üben, so bitter es ist, damit dann Mechanismen da sind, die solche Fehlverhalten vermeiden." In seinem Abschlussbericht plädiert der Opferbeauftragte und SPD-Politiker außerdem dafür, die finanziellen Entschädigungen für Opfer eines Terroranschlags deutlich zu erhöhen. Auch das hatten die Hinterbliebenen kritisiert, ein Betrag von 10.000 Euro etwa sei für den Verlust eines nahen Angehörigen "zu niedrig".

Am 19. Dezember, dem Jahrestag des Anschlags, soll im Beisein der Opfer-Familien auf dem Breitscheidplatz eine Gedenkstätte enthüllt werden. Auf die Frage, wie wichtig das Gedenken für die Betroffenen ist, sagt Beck: "Sehr wichtig! Es ist immer wieder deutlich geworden, dass man die Namen der Verstorbenen in Erinnerung rücken möchte." Natürlich wird er auch bei der Enthüllung des Mahnmals dabei sein. Es soll vor Ort in einem letzten gestalterischen Akt von den Angehörigen vervollständigt werden: "Es wird ein Riss geschlossen und ich hoffe, dass auch in späteren Zeiten dieser Riss, diese Stolperkante, die da geschaffen wird, uns erinnert an die Verstorbenen und an die Gefahr, die von Terror ausgeht."

Sendung: hr-iNFO, 13.12.2017, 19:35 Uhr

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