Lothar Koenigs

Von den Opernhäusern in Wien, Mailand und New York ging es für Lothar Koenigs direkt nach Oberursel: Als dem Dirigenten aufgrund der Corona-Pandemie die Engagements wegbrachen, wollte er die Zeit nutzen, um etwas Sinnvolles zu tun. Mit seinem Mini-Job bei "Essen auf Rädern" hat er am Ende aber auch sich selbst geholfen.

"Das letzte richtig abgeschlossene Engagement hatte ich am 9. März", erinnert sich Lothar Koenigs. Danach konnte er im Herbst noch einmal in Brüssel arbeiten, aber auch dort war wegen Corona nach zwei Vorstellungen Schluss und auch alle anderen Engagements wurden abgesagt. Im Lockdown habe er sich dann gefragt: "Was kann ich machen, um dieser erkrankten oder verwundeten Gesellschaft irgendwie hilfreich zur Seite zu stehen?"

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Zunächst unterstützte er älteren Menschen, die nicht aus dem Haus gehen konnten, und ging für sie einkaufen. Dann fragte er auch beim Pfarrer in seinem Stadtteil nach, ob er etwas tun könne. Aber es gab nichts, außer vielleicht den Garten umzugraben, erzählt der in Frankfurt lebende Dirigent: "Ich habe zwar überhaupt keinen grünen Daumen, aber ich hätte das gemacht. Also ich wollte irgendwie helfen, weil es war alles total perspektivlos, wann es weiter geht."

International gefragter Dirigent

Lothar Koenigs ist ein international gefragter, freischaffender Dirigent, normalerweise ist er gut gebucht und reist er von Engagement zu Engagement. Er hat unter anderem an den Opernhäusern in Wien, Dresden, Mailand, Hamburg, Venedig, Rom und auch an der berühmten Metropolitan Opera in New York gearbeitet. Doch als er im vergangenen Jahr quasi zum Nichtstun verdammt war, wollte er etwas Sinnvolles tun und ging einen ungewöhnlichen Schritt: Über die Arbeitsagentur suchte er online nach einer passenden Aufgabe und fand einen Job als Fahrer für "Essen auf Rädern" bei der Arbeiterwohlfahrt.

"Da kam diese Stelle der AWO von der Traute und Hans Matthöfer Stiftung in Oberursel, dass sie einen Fahrer für Essen auf Rädern suchen, und ich hab mich da einfach beworben", erzählt Koenigs. Sowas habe er vorher noch nie gemacht. Als er zunächst mal keine Antwort bekam, vermutlich weil er als Dirigent überqualifiziert war, hakte er nochmal nach und reichte ein polizeiliches Führungszeugnis ein - mit Erfolg. Er bekam die Stelle auf Basis eines Mini-Jobs von 450 Euro. "Aber es ging wirklich nicht ums Geld zunächst mal. Es ging einfach darum, etwas Gutes zu tun, um auch mir was Gutes zu tun. Wie sich dann nachher auch herausstellte, hat mir das sehr geholfen."

Wertvolle Einblicke in andere Lebenswelten

Denn er habe so viel Dankbarkeit erfahren und sei "immer total zufrieden und glücklich" nach der Arbeit nach Hause gefahren, berichtet der 56-Jährige. Viele Begegnungen hätten ihn aber auch betroffen und nachdenklich gemacht, sagt Koenigs, weil er viele einsame oder auch leicht demente alte Menschen in ihren Wohnungen gesehen habe. "Ich werde es nie vergessen, wie mich ein Herr fragte: 'Sie können nicht noch etwas hier bleiben? Sie sind der einzige, den ich am Tag sehe.'", sagt Koenigs.

Er habe natürlich nicht länger bei den Leuten bleiben und mit ihnen plauschen können, weil er das ganze Auto voller Essen hatte und es noch warm bei den Kunden ankommen sollte. Doch er bekam durch den Job als Essenausfahrer wertvolle Einblicke in andere Lebenswelten: "Wissen Sie, als Dirigent, wenn man immer in Theatern ist oder auf Flughäfen, dann ist das irgendwie so back to the roots."

Ihm sei klar, dass viele Kulturschaffende "irgendwo im Elfenbeinturm" leben, und den Raum bräuchten sie auch für ihre Kunst. Aber der Job als Essensausfahrer hätte ihm viel Kraft und Lebensmut gegeben, "weil es hat mich auch nochmal so grade gerückt. Und ich habe einfach gesehen: Halt, so schrecklich es ist, nicht zu dirigieren und so schrecklich es auch ist, ein Engagement nach dem anderen zu verlieren - diese Menschen, die du da triffst, die sind in ganz anderen Situationen." Das sei nicht wertend gemeint und solle auch nicht egoistisch rüberkommen, aber "diesen Menschen das Essen zu bringen, hat mir so gutgetan und es hat mir so geholfen, nicht wieder in dieses unendliche Loch zu fallen."

"Perspektivlosigkeit zerrt an den Nerven"

Der Lockdown in Deutschland wird nach den jüngsten Bund-Länder-Beschlüssen noch mindestens bis zum 7. März dauern. Wie es für die Kultureinrichtungen weitergeht, wird allerdings nicht an einen bestimmten Termin, sondern an einen deutlichen Rückgang der Neuinfektionen geknüpft. "Ich denke, dass wir jetzt zunächst nicht an erster Stelle dran sein müssen", meint Koenigs, "ich glaube, es ist ganz wichtig, dass die Kitas und Schulen wieder aufmachen." Dennoch ärgert es ihn, dass beim Corona-Gipfel von Bund und Ländern in dieser Woche nicht einmal das Wort Kultur vorgekommen sei: "Die Perspektivlosigkeit, die wir zurzeit als Theatermenschen haben, zerrt an den Nerven", sagt der Dirigent.

Für ihn gibt es nun dennoch einen kleinen Lichtblick: Seit Ende Januar hat er ein Engagement an der Oper in Lyon, wo er "Ariane et Barbe-Bleue" probt, eine selten aufgeführte Oper von Paul Dukas mit großem Orchester und Chor. Am 13. März soll Premiere sein, trotz anhaltend hoher Infektionszahlen in Frankreich, wo allerdings Schulen und Kitas wie auch Friseure und Läden geöffnet haben. Dass es zu einer Aufführung vor Publikum kommen wird, glaubt Koenigs jedoch nicht. "Man versucht das jetzt eventuell aufzunehmen und zu streamen", sagt er, "aber diese Arbeit an diesem Stück und mit den Kolleginnen und Kollegen, das tut einfach so unglaublich gut."

Falls die Proben in Lyon doch noch abgebrochen werden sollten und Lothar Koenigs zurück nach Frankfurt kommen muss, will er auf jeden Fall wieder "Essen auf Rädern" ausfahren: "Da zu sein für Menschen, das tut mir sehr gut auch."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 12.2.2021, 19:35 Uhr 

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