Manfred Lütz

Trotz der traurigen Bilanz der Pandemie ist es wichtig, dass wir jetzt das Positive im Leben sehen, sagt Lütz - und feiern, wenn es wieder möglich ist. Denn es helfe keinem, der bedrückt ist, wenn wir aus Solidarität auch bedrückt seien. Ein Gespräch über psychische Erkrankungen, falsche Diagnosen und die Folgen der Pandemie.

Das Wetter wird besser, die Sonne scheint und die Corona-Zahlen lassen hoffen. Darf man da trotz der traurigen Bilanz der Pandemie und ihren möglichen Langzeitfolgen in Feierlaune ausbrechen? Wenn es nach Manfred Lütz geht, dann unbedingt: "Wir dürfen uns die bessere Stimmung jetzt nicht vermiesen lassen."

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Feiern also, trotz allem? Geht das überhaupt angesichts der weltweiten Todeszahlen von mehr als drei Millionen, die nicht bloß eine Statistik sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut - und die Angehörige haben, die trauern? "Da muss man auch empathisch sein, auch mitfühlend sein und kann nicht einfach losblödeln." Aber, sagt Lütz, andererseits sei es eben auch wichtig, dass man trotzdem wieder das Positive im Leben sieht. "Leute, die bedrückt sind, die haben nichts davon, wenn andere Leute jetzt auch bedrückt sind aus Solidarität."

Massive Probleme in der Kinder- und Jugendpsychatrie

Das gelte übrigens auch bei psychisch Kranken. Es sei wichtig, "dass man mit psychisch Kranken nicht dauernd über ihre Depression redet, sondern darüber, wie es trotz ihrer Depression vielleicht doch gestern ein bisschen besser gewesen ist." Generell gebe es zu viel Unwissen über psychische Erkrankungen. Deshalb will er Aufklärungsarbeit leisten mit seinem Buch "Neue Irre - Wir behandeln die Falschen". So ist zum Beispiel nicht jede Niedergeschlagenheit gleich eine Depression.

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Buchtipp

"Neue Irre - Wir behandeln die Falschen: Eine heitere Seelenkunde"
Von Manfred Lütz
Kösel-Verlag

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Das gilt gerade auch während der Pandemie. "Dass man auf diese Pandemie mit Traurigkeit reagiert, mit Bedrückung reagiert, das ist doch normal." Aber wie steht es eigentlich um die Folgen der Pandemie und der Lockdowns? Zu Beginn der Einschränkungen gab es ja Stimmen, die vor einer massiven Zunahme von schweren psychischen Erkrankungen gewarnt haben. Pauschal könne man das aber so nicht feststellen, so Lütz, das hätten auch Gespräche mit führenden Kolleginnen und Kollegen ergeben. Daraus könne man aber nicht folgern, dass alles halb so wild sei. Ältere hätten zwar gut mit der Situation umgehen können, aber "in der Kinder- und Jugendpsychatrie gab es massive Probleme."

Feiern: Ohne Zweck, aber mit Sinn

Trotzdem kann Lütz der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen: "Das Gute an der Pandemie ist, dass die Menschheit in der Lage ist, solche schweren Krisen zu bewältigen." Es sei ganz erstaunlich, welche Kräfte Menschen entwickeln würden.

Irgendwann ist die Pandemie aber hoffentlich vorbei und auch Manfred Lütz will, sobald es geht, das Ende der Pandemie feiern. Aber nicht als Therapie, denn Therapie sei Arbeit und erfülle einen Zweck. "Sobald das einen Zweck hat, ist es sinnlos. Sinnvoll ist das Feiern, wenn es keinen Zweck hat."

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Das Interview führte Mariela Milkowa

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