Manuel Menrath (Mitte) mit Chief Bart Meekis (links) und Deputy-Chief Robert Kakegamic (rechts)

Der Historiker Manuel Menrath wollte die Lebenswelt der indigenen Bevölkerung in Kanada kennenlernen. Um sie verstehen zu können, muss man sich auch mit der Natur auseinanderzusetzen, die sie umgibt.

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Manuel Menrath (Mitte) mit Chief Bart Meekis (links) und Deputy-Chief Robert Kakegamic (rechts)
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Wer die kanadischen Ureinwohner verstehen möchte, kann nicht einfach Interviews führen. Das musste auch Manuel Menrath erfahren. Der Schweizer Historiker hat "Unter dem Nordlicht" geschrieben – ein Buch über Crees und Ojibwe, über die "Indianer aus Kanada". Klassische Interviews wollten viele Indigene ihm nicht geben, erzählt er in Das Interview von hr-iNFO. Die Begründung: "Das ist nicht das indigene Geschichtsverständnis." Dafür wurde Menrath mitgenommen, das Land der Indianer kennenzulernen.

Das Verhältnis zur Geschichte des Landes und zur Natur ist ein anderes als das uns in der westlichen Gesellschaft vertraute. Menrath versucht es mit einer Analogie zu beschreiben: "Stellen sie sich eine Waldstraße vor und da geht ein Reh drüber. Aus indigener Sicht quert aber nicht das Reh die Straße, sondern es ist die Straße, die den Wald quert." Die Rehe und der Wald waren schließlich zuerst da.

Zwischen Luzern und Mailand das Nichts

Für das Volk der Cree gehören Geschichte und Natur zusammen. "Jeder See, jeder Fluss hat eine Geschichte, ist mit Ahnen verbunden, mit Geschichten", erzählt Menrath. Und davon gibt es im Norden von Ontario, wo die Cree zuhause sind, mehr als genug. "200.000 Seen und zahlreiche Flüsse" durchziehen die sumpfige Landschaft. Menschen leben hier nur vereinzelt.

"Ein kleines Dorf mit 500 Einwohnenden: Da ist im Umkreis von 200 Kilometern nur das, was wir Wildnis nennen", setzt Menrath die Verhältnisse in Relation. "Das wäre das gleiche, als wäre ich von Luzern bis Mailand unterwegs und zwischendrin ist einfach nichts." Obwohl "nichts" natürlich nicht stimmt. Die Natur ist allgegenwärtig.

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Buchtipp

Manuel Menrath: "Unter dem Nordlicht: Indianer aus Kanada erzählen von ihrem Land", Galiani Berlin, 480 Seiten, 26 Euro.

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"Unter dem Nordlicht" ist aber keine romantische Hommage an den Lebensweg der kanadischen Ureinwohner. Auch die Probleme, mit denen die indigenen Völker zu kämpfen haben, werden thematisiert: dass sie in Reservate gedrängt wurden, dass sie dort in schimmligen Baracken leben und die Selbstmordrate unter indigenen Jugendlichen fünf bis sieben Mal höher ist als im Rest des Landes.

Feuer vereint, Feuer trennt

Die Kultur und die Lebensweise der Ureinwohner unterscheiden sich bis heute vom Rest des Landes. Allen Assimilierungsversuchen zum Trotz. "Es gibt einen indianischen Elder, der hat mal gesagt: Die Indianer machen ein kleines Feuer und alle setzen sich hin und wärmen sich. Und der weiße Mann macht ein großes Feuer und alle müssen weit weg sitzen, damit sie sich nicht verbrennen", so Menrath.

Seit 2011 reist der Luzerner regelmäßig in den Norden Kanadas, um die Perspektive der dortigen Bevölkerung zu verstehen und aufzuschreiben. Wegen Corona musste er zuletzt eine Zwangspause einlegen. Kommenden Sommer will er aber unbedingt wieder ins Flugzeug steigen. "Die Begegnungen, die Freundschaften: Das ist schon wirklich was Einzigartiges."

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Das Interview führte: Stefan Bücheler

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