Marcel Fratzscher

Auch wenn die wirtschaftliche Lage derzeit schwierig ist - langfristig bleibe er optimistisch, sagt Marcel Fratzscher. Denn grundlegende Veränderungen habe es immer nur durch Krisen gegeben. Doch dazu brauche es einen Strukturwandel, den die Politik vorantreiben müsse.

Im Grunde sei er ja schon ein optimistischer Mensch, sagt Marcel Fratzscher.  Als Mensch sei ihm immer wichtig, das Positive zu sehen, das große Bild nicht aus dem Auge zu verlieren. Bei der Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Lage falle es ihm aber schon schwer mit dem Optimismus, gesteht der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

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Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute waren in ihrem Herbstgutachten in dieser Woche davon ausgegangen, dass sich die Wirtschaft bis zum Ende des kommenden Jahres wieder erhole. "Die Annahmen, die dahinter stehen, sind, dass nichts mehr schief geht." Doch das sei alles andere als sicher. Kurz- und mittelfristig könne es durchaus große Verwerfungen in der deutschen Wirtschaft geben.

Grundlegende Veränderungen immer nur durch Krisen

Langfristig bleibe er trotz allem optimistisch. Grundlegende Veränderungen habe es in Wirtschaft und Gesellschaft eigentlich immer nur durch Krisen gegeben. Grundgesetz und soziale Marktwirtschaft seien ja gerade nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs entstanden. Auch die Pandemie sei für viele ein "Weckruf".

"Meine große Sorge ist, dass die Politik den notwendigen Strukturwandel nicht vorantreibt", sagt DIW-Chef Fratzscher. Kurzfristig Arbeitsplätze und Unternehmen zu retten, sei richtig und wichtig. Doch den Wandel hin zu einer ökologischeren Wirtschaft müsse man entschieden vorantreiben, um nicht in zehn, 20 oder 30 Jahren in eine viel größere Katastrophe durch den Klimawandel zu laufen.

"Solidarität war bemerkenswert"

Für diesen Wandel braucht es laut Fratzscher eine "neue Aufklärung", so der Titel seines neuen Buches. Er fordert mehr Autonomie für die Bürgerinnen und Bürger, also Eigenverantwortung. Und die bedeute nicht, nur Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Verantwortung für andere – also Rücksichtnahme in Pandemiezeiten – gehöre auch dazu.

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Buchtipp

Marcel Fratzscher: "Die neue Aufklärung. Wirtschaft und Gesellschaft nach der Corona-Krise"
Berlin Verlag, 224 Seiten, 22,00 Euro

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Dass das gelingen könne, da zeigt sich Fratzscher optimistisch: "Ich finde, das Maß an Solidarität und Gemeinschaftssinn in den letzten sechs, sieben Monaten  in Deutschland war absolut bemerkenswert." Junge, gesunde Menschen seien bereit gewesen, private und berufliche Beschränkungen hinzunehmen, um die Schwächsten der Gesellschaft zu schützen.

Beim Bungee-Jumping mental an die Grenzen gehen

So optimistisch ist "Star-Ökonom" Fratzscher auch jenseits des Schreibtischs im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Das zeigt sich nicht zuletzt an einem exotischen Hobby des 49-Jährigen. Der schönste von vielen Sprüngen am Bungee-Seil sei der am Sambesi-Fluss nahe der Viktoria-Wasserfälle in Zambia gewesen, sagt er. "Man geht da mental absolut an seine Grenzen." Furchtlos sei er als Ökonom deshalb trotzdem nicht. Aber einer, der seine Grenzen hinterfrage und ständig neue suche.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 16.10.2020, 19.35 Uhr

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