Marcel A. Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, im Kühlraum mit zwei Leichen
Marcel A. Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin Bild © picture-alliance/dpa

Viele Verbrechen bleiben unentdeckt, sagt der Rechtsmediziner Marcel Verhoff. In einem Projekt will er nun die Qualität der Leichenschau verbessern. Wie das in der Praxis funktioniert, erklärt er im Interview.

Marcel Verhoff war ganz enttäuscht, als er in seinem Studium bemerkte: Anders als im Fernsehen liegen in der Pathologie keine Erstochenen und auch keine Erschossenen herum. Und er lernte: Dafür ist die Rechtsmedizin zuständig, nicht die Pathologie – und wurde Rechtsmediziner. Heute sagt er, dass seine Arbeit und die seiner Kollegen auch für die Lebenden wichtig sei. Etwa wegen der systematischen Auswertung der Kindstodesfälle, die heute zu allgemein gültigen Verhaltensweisen geführt hätte. Oder die Erkenntnisse über plötzliche Herztodesfälle junger Menschen aus genetischen Gründen, die zu besseren Vorsorgemöglichkeiten verholfen hätten.

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Schlagzeilen macht Verhoff zurzeit aber auch mit einem Pilotprojekt. Denn wenn der Tod eines Menschen ungeklärt ist und die Polizei gerufen wird, dann ist seit Januar auch ein Gerichtsmediziner dabei und übernimmt die Leichenschau. Die Erfahrung lehrt, sagt der Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin: Die Leichenschau, die ein niedergelassener und schlecht ausgebildeter Arzt macht, ist häufig unvollständig oder sie bleibt sogar ganz aus. "Die Ausbildung ist sicherlich ein Problem: im Studium ist aus meiner Sicht zu wenig Zeit für die Leichenschau. Es gibt viele Studienorte in Deutschland, da kann es passieren, dass ein Studierender bis zum Abschluss nicht eine einzige Leichenschau unter Anleitung durchgeführt hat. Das ist natürlich eine ganz schlechte Grundlage", so Verhoff.

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„Es gibt Ärzte, die offensichtlich auf dem Küchentisch die Todesbescheinigung ausfüllen und sich den Patienten gar nicht angeschaut haben.“ Zitat von Marcel Verhoff
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Rechtsmediziner spielen auch in Krimis immer häufiger eine zentrale Rolle. Das sei aber nur Filmklischee, sagt Marcel Verhoff: "Diese Ermittlerfunktion aus den Filmen, die hat der Rechtsmediziner in der Praxis ja gar nicht. Wir bekommen immer nur zugearbeitet. Wir kriegen Fragen gestellt von Polizei oder der Staatsanwaltschaft, die wir dann beantworten. Niemand würde auf eigene Faust Ermittlungen unternehmen. Das sind typische Film-Motive, die so ein Film spannend machen, aber mit der Realität nichts zu tun haben."

Marcel A. Verhoff mit Heike Borufka und Mariela Milkowa im hr-iNFO-Studio
Marcel A. Verhoff mit hr-iNFO-Redakteurinnen Heike Borufka und Mariela Milkowa im Studio Bild © hr

Aber vor allem kranke eine professionelle Leichenschau an der schlechten Bezahlung. Regulär gibt es 33 Euro für den Arzt. Bezahlt von den Angehörigen. Das wenige Geld rechtfertige für viele einfach nicht den Aufwand, der betrieben werden müsste und es erklärt nach Überzeugung von Verhoff die vielen Fehler, die passieren. "Es gibt Ärzte, die offensichtlich auf dem Küchentisch die Todesbescheinigung ausfüllen und sich den Patienten gar nicht angeschaut haben", sagt Verhoff.

Und was macht der Rechtsmediziner besser? Er hat den Vorteil, sagt Verhoff im Interview, dass er innere und äußere Leichenschau verbinde. Er vergleiche also, was er außen und was er im Körper sehe und verfüge über viel Erfahrung.

Auch wenn der Leiter der Frankfurter Rechtsmedizin täglich mit dem gewaltsamen Tod von Menschen zu tun hat, sein eigenes Verhältnis zum Tod ist ein friedliches. "Dann ist alles vorbei", sagt er.

Sendung, hr-iNFO, 2.3.2018, 19:35 Uhr

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