Marianne Birthler Portrait
Bild © Christian Blohmann

Marianne Birthler ist frühere DDR-Bürgerrechtlerin und langjährige Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen. Mittlerweile taucht ihr Name in Venedig auf - bei der Architekturbiennale. Dort hat sie den deutschen Pavillon mitgestaltet und sich dabei wieder ihrem Lebensthema zugewandt – der Überwindung von Mauern.

Mit Mauern kennt Marianne Birthler sich aus. Sie war 13, als die Berliner Mauer gebaut wurde. Sie war aktiv in der kirchlichen Bürgerrechtsbewegung der DDR, als sie 28 Jahre später wieder fiel. Und heute – wieder 28 Jahre später – lebt Marianne Birthler fast neben der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße im hippen Berliner Bezirk Mitte, früher Ost-Berlin. Noch immer sei der Mauerstreifen hier eine "Kulturgrenze, aber mit anderen Vorzeichen", sagt Birthler. Heute sei der Osten die begehrte Wohngegend. Früher hätten die Menschen "riskiert, ein paar Kugeln in den Hintern zu bekommen" – nur um in den Westen zu gelangen.

Marianne Birthler und Kollegen
Das Kuratoren-Team: Lars Krückeberg, Thomas Willemeit, Marianne Birthler and Wolfram Putz Bild © Pablo Castagnola

28 Jahre mit Mauer und 28 Jahre ohne – dieses "Spiegeldatum" ist jetzt Anlass für die Präsentation im deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig, die seit Mai stattfindet. Marianne Birthler und die Architekten des Büros Graft haben die Ausstellung gemeinsam kuratiert. "Unbuilding Walls" heißt sie und es geht darum, was nach dem Fall von Mauern an ihrer Stelle wächst und gebaut wird. 28 Projekte entlang der Mauer zwischen Ost und West sind da zu sehen. Zum Beispiel die neue Zentrale des Axel-Springer-Verlags, die im Inneren des Gebäudes den früheren Mauerverlauf als Leerstelle thematisiert. Marianne Birthler mag besonders den Radweg entlang der früheren Mauer in Berlin, das sei ja auch eine Form, "mit diesem Grenzraum umzugehen, mit diesem Unort".

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Buchtipp

Marianne Birthler
"Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben."
Verlag: Hanser Berlin

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In Berlin und auch anderswo in Europa ist von der Mauer oder dem eisernen Vorhang an vielen Stellen gar nichts mehr zu sehen. Marianne Birthler bedauert das, denn Spuren der Mauer seien wichtig für die Erinnerung. Gleichzeitig freut sie sich, dass der frühere Mauerstreifen in Berlin immer wieder Freiräume geboten hat für Wildwuchs und Kreatives. So seien in den Brachen des Mauerstreifens viele Clubs entstanden, die zum Teil heute noch existierten.

Mauern in den Köpfen

Auch mit Mauern in den Köpfen kennt Marianne Birthler sich aus. Als erste Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen erlebte sie den Vereinigungsprozess der beiden Parteien und die Kulturunterschiede zwischen Bürgerrechtlern aus dem Osten und den Grünen aus dem Westen. Später versuchte sie als Stasi-Unterlagenbeauftragte zur Aufklärung und zur Überwindung der "Diktatur in uns" – wie sie sagt – beizutragen. Das Leben in der Diktatur sei zu großen Teilen fremdbestimmt gewesen, Angst und Einschüchterung hätten zum Alltag gehört, sagt Birthler. "Die Leute haben sich entweder gerieben an den Verhältnissen oder sich so mit ihnen abgefunden, dass man sich fragt: Was ist eigentlich die stärkere Verletzung?"

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Sendezeiten:

Mi., 4.7. um 19:35 Uhr
Sa., 7.7. um 14:05 Uhr
So., 8.7. um 10:05 und 18:35 Uhr

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Was Mauern bis heute anrichten, auch das hat das Kuratoren-Team der Architekturbiennale untersucht – mit einem Videoprojekt. Weltweit – von Korea über Israel/Palästina bis in die USA und nach Mexiko – wurden Anwohner nach ihrem Leben mit der Mauer befragt. Viele äußern die Hoffnung, dass auch "ihre" Mauer - wie die in Berlin - wieder fallen wird. Andere haben offenbar auch ein Bedürfnis nach Mauern, sagt Marianne Birthler, gerade in Zeiten der Vernetzung und der Globalisierung.

Sendung: hr-iNFO, 04.07.2018, 19.35 Uhr

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