Aktien-Challenge

Das Coronavirus ist auch ein Wirtschaftsvirus: Unternehmen leiden, Menschen verlieren ihre Jobs, Existenzen werden vernichtet. An der Börse läuft es hingegen fast so, als wäre nichts gewesen. Wie passt das zusammen?

Kurz vor der Tagesschau im Ersten. "Börse vor 8". Markus Gürne begrüßt die Zuschauer vom Frankfurter Parkett aus. Mit Anzug und Krawatte, gut gestylt, gut vorbereitet. Im Alltag treiben den Börsenprofi aber ganz praktische Probleme um, wie so viele gerade. Wie kommt die 85-jährige Mutter an einen Impftermin? In dieser Woche hat es endlich geklappt, nach einem ziemlichen Desaster bei der Anmeldung. "Über Tage hinweg unzählige Telefonate, dann online – irgendwann hat's geklappt. Die Impfung selbst war jetzt extrem professionell organisiert. Wenn das jetzt bei der Anmeldung auch noch so gut klappt, ist wirklich alles gut", sagt Gürne.

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Markus Gürne
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Dass es mit dem Impftermin so lange gedauert hat, ist laut Gürne auch ein stückweit hausgemacht. Zu viel Bürokratie in Deutschland. Und Föderalismus an den falschen Stellen. Denn das habe sich in dieser Corona-Krise doch gezeigt, ob bei der Bildung oder der Verteilung der Impfstoffe: "Da zu sagen, 'wir machen das jetzt zentral und für alle gelten dieselben Regeln' – das ist nicht ganz verkehrt."

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Buchtipp

Der Wirtschafts-Virus. Wie Corona die Welt verändert und was das für Sie bedeutet
Von Markus Gürne und Bettina Seidl
Econ

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Mehr Staat?

Mehr Staat ist ein Vorschlag aus seinem Buch "Der Wirtschaftsvirus" - etwa wenn es eben darum geht, einen Impfstoff zu entwickeln, um eine Pandemie zu besiegen. Unternehmenspartnerschaften allein seien dann zu wenig. "Biontech in Mainz hat sich für Pfizer entschieden, ein amerikanisches Unternehmen. Mit den Folgen, die wir jetzt an vielen Stellen sehen. Denn natürlich sagt der größere Partner – offensichtlich Pfizer – an, wie es läuft. Und Biontech hat da weniger gute Karten", erklärt Gürne.

"Wir müssen uns schon in der Folge dieser Krise überlegen: Müssen wir an ein paar Dingen etwas anders machen? Kann man alles dem Markt überlassen oder nicht?" Markus Gürne glaubt: nicht. Er kommt im Interview schnell zum Punkt, spricht dynamisch, strukturiert. Klar, in "Börse vor 8" sind ja auch jeden Abend nicht mal fünf Minuten Zeit, die Lage an den Finanzmärkten zu erklären.

Druck nicht nur über die Straße, sondern übers Kapital

Doch der 50-jährige Vater zweier Töchter schlägt auch nachdenkliche Töne an. Wenn es um die Frage geht, welches Land wir unseren Kindern mal hinterlassen. Mehr Nachhaltigkeit auch an der Börse, die sei möglich. Nicht nur die "Fridays for Future"-Bewegung mache Druck. "Dieser gesellschaftliche Druck ist riesengroß. Den kann man nicht nur über die Straße ausüben, sondern über das Kapital." Der Wandel werde aber kommen, da ist sich der gebürtige Schwabe Gürne sicher. Denn schließlich böten nachhaltige Unternehmen das, was Investoren am wichtigsten ist: Rendite.

Zitat
„Wenn es diesen Mist Corona schon geben muss, dann möchte ich in keinem anderen Land lieber leben als in Deutschland.“ Zitat von Markus Gürne
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Doch erst mal gelte es, gut durch die Krise zu kommen. Mit Widerstandskraft, die gerade überall als Resilienz beschrieben wird. Eine Fähigkeit, die Markus Gürne für sich selbst in Anspruch nimmt - erlernt als Auslandskorrespondent in Indien und als Krisenreporter im Irak und Afghanistan. Natürlich gehe immer irgendwo alles besser. "Aber es ist jedenfalls so, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der wir das selbst bestimmen können. Wo wir auch selber Dinge verändern können. Und dieses Privileg haben nicht so viele", findet Gürne, der fünf Jahre lang das ARD-Studio in Neu-Delhi leitete. Und wenn es diesen "Mist" Corona schon geben müsse, dann "möchte ich in keinem anderen Land lieber leben als in Deutschland. Auch nicht in meinem geliebten Schweden."

Sehnsucht nach Schweden

Sein geliebtes Schweden: Wenn Markus Gürne darüber spricht, glänzen seine Augen. Ein Rückzugs- und Sehnsuchtsort für ihn und seine Familie. Dort hat er ein Haus – und Elche als Nachbarn. In gewisser Weise fühle er sich denen ähnlich. Nicht vom Aussehen, sondern von der Art. "Sie sind wahnsinnig schnell und sehr grazil am Ende unterwegs. Obwohl sie nicht behände aussehen. Aber sie sind es – und sie werden dramatisch unterschätzt." Sobald es möglich ist, will Markus Gürne wieder nach Schweden. Und Elche suchen.

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 05.02.2021, 19.35 Uhr

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