Martin Hyun
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Er hat drei Jahre lang auf die olympischen Winterspiele hingearbeitet: Als technischer Direktor organisiert Martin Hyun das Eishockey-Turnier in Pyeonchang. Im Heimatland seiner Eltern trifft der Politikwissenschaftler, Autor und ehemalige Eishockeyprofi auf Vertrautes und Befremdliches.

Drei Jahre lang hat Martin Hyun die olympischen Eishockey-Wettbewerbe organisiert und vorbereitet, vom Bau der Eisstadien bis hin zur Frage: Wie kriegt man gutes Eis hin? In dieser Zeit sei er um Jahre gealtert, erzählt der Wahlberliner schmunzelnd. Auch weil sich die koreanischen Kollegen zunächst mit seiner Art vertraut machen mussten: "Ich sehe natürlich koreanisch aus, aber von der Arbeitsweise her bin ich doch deutsch geprägt."

Er sei anfangs belächelt worden, als er mit einem Aktenordner ankam und dort alles archiviert habe. "Meine koreanischen Kollegen haben dann gemeint: 'Ach, da läuft wieder Martin mit seinen komischen Ordner rum.'" Doch wenig später machten es ihm die Kollegen nach, was er sehr lustig fand. Außerdem ist Eishockey in Korea nicht gerade populär. Da hieß es dann für ihn, erst einmal kräftig die Werbetrommel rühren für diesen Sport. "In Korea ist Baseball die Sportart Nummer 1", sagt Martin Hyun, "dicht gefolgt von Fußball, Basketball und Volleyball und ganz ganz weit hinten kommt dann Eishockey."

"Es ist ein Traumjob"

Der stabil gebaute Mann mit der Brille bringt für diese Aufgabe bei Olympia die perfekte Mischung mit: Er selbst war 2004/2005 Profi in der Deutschen Eishockey-Liga, er stammt aus der eishockeyverrückten Stadt Krefeld und hat dort bei den Pinguinen gespielt. Er bringt einerseits das Know-How mit und die Leidenschaft für diesen Sport und andererseits ist er vertraut mit der Kultur des Landes, denn seine Eltern stammen aus Südkorea. Für ihn also der perfekte Job?

Martin Hyun als kleiner Junge in der Eishockey-Montur der Krefeld Pinguine.
Martin Hyun wurde als Sohn koreanischer Gastarbeiter in Deutschland geboren. Schon als kleiner Junge entdeckte er seine Liebe zum Eishockey und spielte bei den Krefeld Pinguinen. Bild © privat

"Ja, es ist ein Traumjob", meint Hyun, "wo hat man schon die Möglichkeit, mal aus seinem Büro rauszugehen und sich die Schlittschuhe zu schnüren und auf die Eisfläche zu gehen? Gerade als das olympische Eis hergestellt wurde von unserem Chef-Eismeister, habe ich es mir nicht entgehen lassen, als erster auf die Eisfläche zu gehen."

Für ihn ist es wichtig, aus der Perspektive der Sportler zu denken und alles perfekt herzurichten, denn "ohne die Athletinnen und Athleten gibt es keine Show." Martin Hyun ist eigentlich promovierter Politikwissenschaftler, er hat den Sport vor Jahren an den Nagel gehängt. Doch weil es nur sehr wenige Asiaten mit einem "Eishockey-Hintergrund" gibt, bekam er jetzt bei den Olympischen Winterspielen die Chance seines Lebens – und das ausgerechnet im Heimatland seiner Eltern, in Südkorea.

In Deutschland hatte er trotz mehrerer internationaler Hochschulabschlüsse keine angemessene Stelle gefunden, obwohl Martin Hyun immer als Musterbeispiel für eine geglückte Integration galt und sich jahrelang bei Stiftungen, politischen Organisationen und Verbänden beworben hatte. Als das Jobangebot aus Südkorea kam, war er sehr bewegt, auch weil sich damit in der Familienbiografie ein Kreis geschlossen hatte.

"Das war ein sehr emotionaler Moment für mich, gerade durch die Geschichte meiner Eltern, die damals 1969 und 1971 nach Deutschland ausgewandert sind, um als Krankenschwester und Bergarbeiter zu arbeiten. Und dass ich dann zurückkommen konnte in das Land meiner Eltern untern ganz anderen Umständen, das war schon was ganz besonderes für mich."

Zwei Staaten, ein Team

Martin Hyuns Aufgabe bei den Olympischen Spielen hat auch eine politische Seite. Denn auch wenn Eishockey nicht so populär ist in Südkorea, man schaut jetzt doch ganz besonders auf diesen Sport. Denn zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele haben Nord- und Südkorea eine gemeinsame Damen-Eishockey-Mannschaft auf die Beine gestellt. Da müssen jetzt also Sportlerinnen aus den beiden verfeindeten Bruderstaaten in einem Team zusammenspielen – kann das funktionieren?

Martin Hyun
Martin Hyun in der Eishockey-Arena der Olympischen Winterspiele 2018. Bild © privat

"Ja, es funktioniert auf jeden Fall“, sagt Hyun. "Der Sport hat diese Macht, Menschen zu verbinden." Beim Training sei es sehr harmonisch zugegangen: "Ich glaube, die Athletinnen sehen das unpolitisch, sondern mehr auf sportlicher und menschlicher Ebene." Der ehemalige Profi-Spieler hatte auch die Chance, einen der nordkoreanischen Assistenz-Trainer zu treffen. Das sei "ein toller Moment" gewesen, erzählt Martin Hyun. "Gerade weil ich auch die Wiedervereinigung in Deutschland miterlebt habe. Als der Trainer mich gesehen hat, meinte er direkt, wir sind Freunde."

Vertrautes und Befremdliches

Er sei von seinen Eltern immer so erzogen worden, anderen Menschen vorurteilsfrei zu begegnen, erzählt der Deutsch-Koreaner, und so sei aus dem Treffen eine neue Freundschaft entstanden. Durch den Mauerfall hat Hyun übrigens auch seine Frau Daniela aus der ehemaligen DDR kennengelernt. Sie ist für drei Jahre mit ihm nach Südkorea gegangen, um Land und Leute kennenzulernen. Obwohl Hyun natürlich mit der Kultur Südkoreas vertraut ist, gibt es doch einiges, was auch für ihn befremdlich ist – zum Beispiel, dass Koreaner Hundefleisch essen. Eine Tradition, die allerdings immer mehr verschwindet. Wegen Olympia mussten Hundefleisch-Märkte und -Restaurants schließen, um Touristen nicht zu verschrecken.

Eine überraschende Erfahrung war für Martin Hyun auch, wie die Menschen mit der ständigen Bedrohung aus Nordkorea umgehen. "Das Land lebt ja mit dieser Situation seit Ende des Koreakrieges 1953, das beschäftigt die Menschen kaum", hat Hyun festgestellt. Die Menschen machten sie mehr Sorgen darum, was sie morgen essen könnten. "Man ist es gewohnt, man weiß mit der Situation umzugehen und der Alltag geht weiter für die Koreaner." Was wird bleiben von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang? "Ich hoffe, dass es so einen Eindruck hinterlässt wie 1988 die Sommerspiele in Seoul", sagt Hyun. "Ich habe das zwar nur vor dem Fernseher verfolgen können, aber diese Spiele habe ich nie vergessen."

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Sendung: hr-iNFO, 8.2.18, 19:35 Uhr

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