Die Partei-Politiker Martin Sonneborn
Die Partei-Politiker Martin Sonneborn Bild © picture-alliance/dpa

Als Spaßpolitiker war Martin Sonneborn vor fünf Jahren für Die Partei ins Europaparlament eingezogen. Ende Mai will er wiedergewählt werden. Ein Gespräch über Komiker in der Politik, Satire in ernsten Zeiten und wahre Männerfreundschaften.

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Als Martin Sonneborn bei der letzten Europa-Wahl mit 0,6 Prozent der Stimmen für seine Partei Die Partei ins EU-Parlament gewählt wurde, wollte er eigentlich ganz schnell wieder aufhören. Doch jetzt stellt er sich nach fünf Jahren zur Wiederwahl.

Eine vollkommen überraschende Entwicklung sei das, findet er und sagt, er habe nie angestrebt, in die Politik zu gehen. Das was er jetzt mache, sei eigentlich "eine ins Unendliche verlängerte 'Titanic'-Aktion". Denn dort und in der heute-show habe er ja sein Handwerk gelernt. "Und damit komme ich ganz gut durch in der Politik", sagt er.

"Ich bin nicht in der Rolle des Polit-Clowns"

Dass er von vielen als "Polit-Clown" angesehen wird, der auf Kosten der EU seine Späße treibt, stört ihn nicht. "Ich bin eigentlich nicht in der Rolle des Polit-Clowns", sagt Martin Sonnenborn über sich selbst, "sondern ich glaube, die Übereinstimmung zwischen dem Bild, was in der Öffentlichkeit besteht, und der privaten Person ist größer als man denkt".

Niemand weiß das wohl besser als seine Satiriker-Kollegen Thomas Gsella und Oliver Maria Schmitt, mit denen Martin Sonneborn neben der Politik immer noch als "Titanic Boy Group" durchs Land tourt - und das oft in seinem 20 Jahre alten Auto mit einer kaputten Gangschaltung und ohne Rückwärtsgang. Was er dort erlebt, ist echte Männerfreundschaft im Gegensatz zur oft aufgesetzten Freundlichkeit im Parlament, wie er erzählt.

"Es macht Spaß, Leute zu ärgern"

Wenn man den Satiriker fragt, wie sich sein Blick auf die EU verändert hat, seitdem er selbst Mitglied des Europäischen Parlaments ist, antwortet er trocken: "Ich sehe, dass das Konstrukt EU wunderbar funktioniert, es ist nur mit den falschen Leuten besetzt". Eine Riege "alter Herren", die im EU-Parlament Politik betreibe, habe die EU in diese Krise gebracht, in der sie sich jetzt befinde. "Es sind wenig junge Idealisten da, die sich auch für die Bürger einsetzen", findet Martin Sonneborn.

Er habe sich letztens zum Beispiel über eine Abstimmung zur Seenotrettung geärgert, die sehr knapp ausfiel. In dem Bericht hatte es geheißen, dass das Europäische Parlament den Einsatz der verschiedenen regierungsunabhängigen Organisationen anerkenne, die im Mittelmeer tätig seien und versuchten, Menschenleben zu retten. Das Papier, das den Seenotrettern den Rücken stärken sollte, wurde mit 312 zu 310 Stimmen im Parlament angenommen.

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Er habe dafür gestimmt, erzählt Sonneborn. Wenn er dagegen gestimmt hätte, wären es 311 zu 311 Stimmen gewesen und der Bericht wäre nicht durchgegangen. "Wie kann man als verantwortungsbewusster und denkender Mensch gegen so etwas stimmen, frage ich mich dann. Und das ist halt etwas, was mir schlechte Laune macht", sagt der Satiriker sehr ernst. "Da macht es mir natürlich auch Spaß, dagegen zu arbeiten oder Leute zu ärgern, die sich für so etwas einsetzen".

Ein ernsthaft politisch denkender Mensch

Martin Sonneborn spricht gern von den "dicken alten weißen Männern" in Brüssel, die er aufs Korn nimmt. Seine Fehde mit dem parlamentarischen Urgestein Elmar Brok (CDU), von Sonneborn "Elmar Brocken" genannt, ist legendär. Der Satiriker hat es sich zur Aufgabe gemacht, Öffentlichkeit herzustellen "für die unseriösen Seiten der Europäischen Union" und "ab und zu große Reden zu schwingen vor halbleerem Plenum und dabei auch so ein bisschen politische Inhalte durchschimmern zu lassen". Eine glatte Untertreibung. Denn wer sich länger mit dem 53-Jährigen unterhält, merkt sofort, dass er ein ernsthafter und politisch denkender Mensch ist.

Natürlich polarisiert der ehemalige Titanic-Chefredakteur mit seinen satirischen Aktionen und Reden in Brüssel - wie zum Beispiel seine Erdogan-Rede über den "Irren vom Bosporus" oder sein Vorschlag, Irland aus der EU zu werfen wegen Steuererleichterungen für Apple. Aber sie werden im Netz millionenfach geklickt.

Mehr Geld für Grenzsicherung als für Entwicklungshilfe

Zur Europa-Wahl am 26. Mai tritt Die Partei neben Martin Sonneborn und seinem Satiriker-Kollegen Nico Semsrott mit Kandidaten an, die zum Teil die gleichen Nachnamen wie ehemalige Nazi-Größen tragen: Bombe, Krieg, Gobbels, Göring, Speer, Bormann, Eichmann, Keitel, Heß. Eine Aktion, über die viele sicher nicht mehr lachen können.

Doch das sei eine Reaktion darauf, "dass wir im Moment eine unfassbare Militarisierung in Europa und in der EU erleben", erklärt Sonneborn. Er habe selbst über einen EU-Haushalt für die nächsten sieben Jahre abgestimmt, "in dem zum ersten Mal mehr Milliarden vorgesehen sind für Waffenentwicklung und Grenzsicherung als für Entwicklungshilfe".

Eine Protestwahlmöglichkeit für intelligente Wähler

Aber ist Satire das richtige Mittel in Zeiten, wo Europa vor einer Schicksalswahl steht, wie viele behaupten? Sonneborn winkt ab: "Das Gerede von der Schicksalswahl, das kenne ich seit 2004 und es gibt immer einen Grund, warum die nächste Wahl die wichtigste von allen ist und man nicht satirisch wählen darf". Er habe Die Partei 2004 zusammen mit anderen Titanic-Kollegen gegründet, weil man nicht mehr gewusst habe, welche Partei man überhaupt noch wählen solle.

Eigentlich sei Die Partei eine Protestwahlmöglichkeit für intelligente Wähler, sagt er und fügt hinzu: "Die Verhältnisse sind mittlerweile zu ernst, um nicht satirisch darauf zu reagieren".

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Sendung: hr-iNFO Das Interview, 8.5.19, 19:35 Uhr

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