Martin Wikelski

Können Ziegen Naturkatastrophen vorhersagen? Was erzählen uns Gänse über den Klimawandel? Und wie kann man bestimmte Vogelarten vor dem Aussterben schützen? Das sind nur einige Fragen, die Martin Wikelski mit seinem Icarus-Projekt zur Tierbeobachtung aus dem All beantworten will.

Neben seinem "richtig guten Biolehrer" war es auch der berühmte Bernhard Grzimek, der bei ihm als Kind die Begeisterung für Tiere geweckt habe, sagt Martin Wikelski: "Dass man mit Tieren gut umgeht und Tiere schützen will, und natürlich die Serengeti nicht sterben lassen darf, das war eigentlich schon immer das Vorbild."

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Martin Wikelski
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Wikelski ist heute Direktor des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell und Professor an der Uni Konstanz. Mit seinem Icarus-Projekt zur Tierbeobachtung aus dem All führt er in gewisser Weise auch das Lebenswerk des großen Grzimek weiter. Bei diesem Kooperationsprojekt der Max-Planck-Gesellschaft, der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wollen die Wissenschaftler das kollektive Wissen der Tiere auf der Erde erforschen.

Tiere als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen

Es geht darum, mehr über die Wanderrouten von Tieren herauszufinden, um zum Beispiel Schutzzonen anzupassen oder auch, um Epidemien vorzubeugen. Denn Tiere können bei ihren Wanderungen Krankheitserreger verbreiten. Außerdem könnte Icarus als Frühwarnsystem vor Naturkatastrophen dienen, denn Tiere verhalten sich zum Beispiel vor Erdbeben oder Vulkanausbrüchen auffällig.

Amsel mit Sender

Um ihr Wissen zu entschlüsseln, rüsten die Icarus-Forscher weltweit verschiedenste Tierarten mit Minisendern aus, die selbst auf kleinen Singvögeln angebracht werden können. "Wir haben das bei Vögeln als kleinen Rucksack, einmal um die Füße oder um den Bauch rum, wir haben das bei Fledermäusen als ein Cape, einen Umhang, den sie wie so ein Batman mit sich tragen, bei Nashörnern als Ohren-Tag, als kleine Ohrmarke, und das funktioniert in den meisten Fällen sehr gut", erzählt Martin Wikelski.

Das Internet der Tiere

Diese Messgeräte im Miniaturformat besitzen verschiedene Sensoren, die fortlaufend Verhaltens- und Gesundheitsdaten der Tiere erfassen. Auch Umweltbedingungen wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Luftdruck können diese Sender aufzeichnen und zur Internationalen Raumstation ISS funken. Dafür wurde dort eine riesige Antenne installiert. Die Daten werden auf der ISS entschlüsselt und an die Bodenstation in Moskau übermittelt.

Von dort laufen alle Daten in der sogenannten "Movebank" zusammen, einer globalen Datenbank für Tierbewegungen. "Das ist großartig", schwärmt Wikelski, "weil wir zum ersten Mal eine Gesamtschau über das Leben auf der Erde kriegen." Mit dem Icarus-System könne man nun ganz viele Sender gleichzeitig empfangen und so "die Schwarm-Intelligenz der Tiere abgreifen." Aus den kombinierten Informationen tausender Tiere entsteht das sogenannte "Internet der Tiere".

Ziel ist auch der Tierschutz

Ziel des Projekts sei es aber auch immer gewesen, "dass wir den Tieren was zurückgeben, dass wir Tiere schützen", erklärt der Verhaltensbiologe. Im ersten Forschungsprojekt, das nun startet, rüsten die Icarus-Wissenschaftler Amseln und Drosseln in Europa, Russland und Nordamerika mit den Minisendern aus, um das Zugverhalten der Vögel und ihre Überlebensstrategien zu untersuchen.

In den vergangenen zwanzig Jahren seien die Singvögel in Europa etwa um zwanzig Prozent zurückgegangen, sagt Martin Wikelski: "Das heißt, wir haben jetzt etwa 420 Millionen Vögel weniger als noch vor zwanzig Jahren. Das sind 7000 Tonnen Biomasse, da stimmt irgendwas nicht mehr." Das hänge natürlich auch mit dem Klimawandel zusammen, und da wolle man "jetzt verstehen, was machen die Tiere draußen, wo geht es ihnen gut und wo sterben sie?". Es sei bisher nicht möglich gewesen, derartige Fragen zu beantworten. Doch mithilfe von Icarus könne man Tieren jetzt "ein kleines Kommunikationssystem mitgeben, damit sie uns sagen: Wo geht’s mir gut und wo geht’s mir schlecht?".

Professur in Princeton gekündigt

Fast zwanzig Jahre lang hat es gedauert, das Projekt Icarus an den Start zu bringen. Immer wieder gab es Hindernisse und Verzögerungen, mussten Kooperationspartner überzeugt werden. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte zum Beispiel kein Interesse an dem Projekt, weshalb Martin Wikelski seine Professur auf Lebenszeit in Princeton kündigte und nach Deutschland zurückkehrte, um an seinem großen Traum von einem satellitengestützten System zur Tierbeobachtung weiter zu arbeiten.

Kein Wunder, dass er sein Projekt ausgerechnet Icarus genannt hat, nach der antiken Figur, die mit einem Flugapparat zu nah an die Sonne flog und abstürzte. Er habe einen Namen gesucht, der die Verrücktheit des Projekts widerspiegelt, erklärt Wikelski. "Ich habe mir gedacht, was ist besser als Icarus? Entweder man bringt Icarus zum Fliegen oder er fällt wirklich ins Feuer." Seine Beharrlichkeit hat sich nun ausgezahlt. Martin Wikelski ist überzeugt, dass sich mit dieser neuen digitalen Technik in Zukunft nicht nur biologische Fragen beantworten lassen – zum Beispiel, wohin Flughunde (Fledermäuse) in Afrika fliegen und wo sie dabei auf Ebola-Viren treffen. Icarus könne auch für die Übertragung anderer Technik- oder Umweltdaten wie Baumwachstum, Meeresströmungen oder Gletscherschmelze eingesetzt werden.

Wilderern das Handwerk legen

Und noch viel mehr sei möglich: Mit der Icarus-Technik könne man künftig zum Beispiel auch Wilderern in Afrika das Handwerk legen, sagt Martin Wikelski: "Wir haben jetzt schon Nashörner im Krüger-Park ausgestattet mit Ohrmarken, funktioniert hervorragend, da kriegen wir jetzt alle zehn Minuten die Daten von dem Nashorn."

Aber auch die Daten der Tiere rundherum, wie Geparden, Gnus, Zebras und Antilopen. Damit könne man sehen: "Wann kommt der Wilderer durch?" Das könne man mit modernen künstliche-Intelligenz-Methoden herausfiltern. "Die Tiere geben uns dann sozusagen ein paar halbe Stunden Vorwarnung, dann können wir die Wildhüter rausschicken und versuchen, das Nashorn zu schützen vor den Wilderern."

"Jetzt geht's los"

Icarus könnte aber auch als Frühwarnsystem für Naturkatastrophen dienen, als zusätzliche Information zu Erdbeben- oder Vulkanausbruchvorhersagen, die es jetzt schon gibt. Denn Tiere haben offenbar einen siebten Sinn und verhalten sich auffällig, wenn Gefahr droht. Dazu wurden zum Beispiel besonders sensible Ziegen am Ätna in Sizilien mit Sendern ausgerüstet - "und es scheint wirklich zu funktionieren", so Wikelski.

Schicken Ziegen also künftig per Minisender Erdbebenwarnungen ins Weltall? Martin Wikelski sagt, die Icarus-Forscher sind zunächst erstmal dabei herauszufinden, welches Tier uns was genau sagen kann. "Das wissen wir alles noch nicht. Es gibt ja wirklich hunderttausende von Tierarten, die uns möglicherweise was ganz Spannendes sagen können und wir können ja im Moment noch nicht wirklich zuhören. Aber jetzt geht’s eben los."    

Weitere Informationen

Mehr Informationen zum Icarus-Projekt finden Sie hier.

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 Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 18.9.2020, 19:35 Uhr

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