Matthias Bollinger

Es sei ein besonderer Moment für die hochbetagten Menschen, wenn sie endlich die Impfung gegen das Coronavirus erhalten, sagt Matthias Bollinger. Im Interview spricht der Arzt über vieles, was gut läuft im Frankfurter Impfzentrum und eine Sache, die ihn ärgert.

Dieser Corona-Einsatz ist für Matthias Bollinger etwas ganz Besonderes: Er fühle sich "geehrt", einen Beitrag zur Bewältigung der Pandemie leisten zu können. Der Frankfurter ist eigentlich Kinderarzt, arbeitet aber seit einem Jahr in der Notfallambulanz am Frankfurter Flughafen und nebenbei auch ehrenamtlich im vom DRK betriebenen Impfzentrum in der Frankfurter Festhalle – quasi an vorderster Impffront.

Ein besonderer Moment

Dass man in der Kürze der Zeit einen Impfstoff gegen Covid-19 produziert habe und "was da für Zukunftsperspektiven drin liegen, was die Weltgesundheit angeht", sei unglaublich, sagt er. Und er schwärmt geradezu von den alten Menschen, die seit der vergangenen Woche in die Festhalle kommen, um den ersehnten Pieks zu bekommen. "Die sind durch die Bank weg dankbar und froh", sagt Bollinger, "und es ist beeindruckend zu sehen, wie viele total Rüstige es in diesem hochbetagten Alter gibt. Und alle sind gut gelaunt, sie sind sehr positiv und sehr dankbar, dass das ermöglicht wird, selbst wenn sie warten müssen."

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An den ersten Tagen habe es zwar lange Wartezeiten gegeben, aber er hätte niemanden erlebt, der sich darüber beschwert habe oder ausfallend geworden wäre. Und das, obwohl es anfangs große Probleme gab mit der Terminvergabe. Weil der Andrang der Impfwilligen so groß war, war die Hotline ständig überlastet und im Internet brach das Anmeldeportal zusammen. Für die Menschen, die es dann doch noch geschafft hatten, einen Impftermin zu bekommen, sei die Impfung ein besonderer Moment, sagt der Frankfurter Arzt, "weil sie natürlich für sich auch das Gefühl haben, sie kriegen so ein Stück von ihren alten Freiheiten wieder."

Häufige Fragen zu Blutverdünnern

Matthias Bollinger ist stellvertretender Kreisverbandsarzt beim DRK in Frankfurt. Schon während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr hat er sich für die besonders vulnerablen Menschen engagiert und hatte mit Mitstreitern einen Bus organisiert und umgebaut, mit dem sie in Alten- und Pflegeheimen mobile Corona-Tests durchgeführt haben.

Er war auch von Anfang an eingebunden in die Planung und Organisation des Impfzentrums in Frankfurt. Er hat das Personal geschult, aber seine Aufgabe ist es vor allem, die Aufklärungsgespräche mit den über 80-Jährigen zu führen. Die Leute seien in der Regel gut informiert über die Impfung. Häufig tauche aber die Frage auf, ob und wie lange man blutverdünnende Mittel absetzen müsse, wenn man sich impfen lässt. Doch Bollinger winkt ab: "Diese Impfung ist keine Zahnbehandlung oder ein kleiner operativer Eingriff, sondern ein kleiner Stich mit einer sehr dünnen Nadel und 0,3 Milliliter Volumen. Dafür braucht man seinen Blutverdünner nicht pausieren, im Gegenteil - wenn man das macht, ist das eher ein zusätzliches Risiko für den Betroffenen."

Bislang keinerlei Komplikationen

Es kommen auch Menschen mit Allergien, die sich impfen lassen wollen und nachfragen. "Die nehmen wir dann in einen besonderen Raum", erzählt Bollinger, und sie würden vom Fachpersonal eine halbe Stunde lang nach der Impfung überwacht. Die Erfahrungen hätten aber gezeigt, "dass auch Hochallergiker fast nie reagieren." Bislang seien bei den Impfungen in der Festhalle - "wir haben mit 500 Impfungen angefangen und ab dem zweiten Tag nahezu 1000 pro Tag" - keinerlei Komplikationen aufgetreten, sagt Bollinger.

Der Corona-Impfstoff ist zwar knapp, doch habe man alle Impftermine halten können. Denn es würden täglich nur so viele Impfdosen bereitgestellt wie Menschen kommen, um sich impfen zu lassen. Wenn dann ausnahmsweise doch mal Impfstoff übrig bleibt, "dann verimpft man den abends beim Personal vom Spätdienst." Dass trotz der Engpässe beim Impfstoff im Augenblick alles rund läuft, verdanke man einer guten Planung: "Das Land Hessen hat es von Anfang an so gemacht, dass es nur die Hälfte der Lieferung verimpft hat und die zweite Hälfte gekühlt gelassen hat, um sie für die Folgeimpfung präsent zu haben", sagt Bollinger. "Andere Bundesländer haben leider alles verimpft", merkt er kritisch an, was bedeute, "dass sie jetzt nichts in der Rückhand haben und bei den nächsten Lieferungen entsprechend so bedacht werden müssen, dass sie dann keine Impflücken entstehen lassen."

Geplante Anzahl an Impfungen pro Tag nicht machbar

Wegen der Impfstoffknappheit mache er sich zwar keine großen Sorgen, sagt der Arzt, der sich seit 40 Jahren ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert, "aber es ärgert einen." Denn in der Festhalle, die zu einem der größten Impfzentren überhaupt umgebaut wurde, sollten laut Plan eigentlich 4000 Menschen am Tag geimpft werden. "Was dann in der Bestphase heißt, 2000 Neuimpfungen und 2000 Zweitimpfungen an einem Tag durchzuführen. Im Moment sehen wir leider nicht, dass wir an diese Kapazität herankommen, weil der Impfstoff nicht da ist." Zwar sei der Impfstoff für die Zweitimpfungen vorhanden und man könne ab dem 9. Februar damit loslegen. "Aber die Zahl der Erstimpfungen, das befürchten wir schon, dass sich das dann wieder zwischen 500 und 1000 einpendelt."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 29.1.2021, 19:35 Uhr

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