Matthias Horx

Die menschliche Zivilisation ist zu schnell und zu überhitzt geworden, sagt Matthias Horx, und das hat seinen Preis. Aber grade in der Krise hätten wir die Chance, uns neu zu erfinden und die Zukunft zu gestalten.

Was wird bleiben von der Corona-Krise und wie wird sie unser Handeln und Denken verändern? Diese Fragen treiben den Zukunftsforscher schon seit Beginn der Pandemie um. Grundsätzlich sei es so, dass Krisen zwar "immer einen Überschuss an Angst produzieren", sagt Matthias Horx. Aber er ist auch überzeugt: "Wir sind Krisenwesen." Zukunftsängste und Pessimismus bringen uns nicht weiter, findet er: "Die Verstetigung von Pessimismus und Angst führt in die Depression, aber Menschen haben ja eben diesen Überlebenswillen, deshalb sind sie ja in der Lage, mit den Störungen, die das Leben mit sich bringt, umzugehen."

Eine Art "rückblickende Vorschau"

Eine konstruktive Krisenstrategie sei die sogenannte Re-Gnose: eine Art "rückblickende Vorausschau", bei der man sich in die Zukunft denkt und von dort aus auf sein heutiges Ich zurückschaut, um sich zu wundern und stolz darauf zu sein, was man geschafft hat in der Krise. "Die Re-Gnose hilft uns eben (…) zu sagen: wow, wir sind immer noch da und etwas in uns hat sich verändert", so Horx.

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Matthias Horx
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Seit über 20 Jahren erforscht er mit seinem Zukunftsinstitut mit Sitz in Frankfurt und Wien, welche Herausforderungen die Zukunft an unsere Gesellschaft stellt und berät große Unternehmen, wie sie sich für das Morgen aufstellen können. Wenn er auf die Corona-Krise blickt, ist er überzeugt, dass viele Menschen positive Erfahrungen machen konnten: "In diesem erzwungenen Stillstand haben sie etwas gemerkt. Sie haben gemerkt, dass sie vielleicht manche Dinge, die sie furchtbar zu glauben brauchten, gar nicht so brauchen. Sie haben gemerkt, dass die Hektik sie auch vom Leben abhält. Das sind doch alles kostbare Erfahrungen." Außerdem habe es vor Krise einen Vertrauensverlust in die Politik gegeben, man habe "die letzten 20 Jahre damit verbracht, Politiker zu beschimpfen". Heute merken wir, "dass wir doch ganz robust sind", so Horx und die Politiker nicht ganz so unfähig wie oft behauptet.

"Es wird peinlich"

Er ist keiner, der sich an den düsteren Zukunftsszenarien nach Corona beteiligt. Trotzdem sieht Horx sich aber auch nicht als Optimist, sondern als "Störer von eingefahrenen Geisteshaltungen." Sein Ansatz sei der Possibilismus und fügt hinzu: "Ich störe jetzt mal den verbreiteten, bräsigen, apokalyptischen Pessimismus. Es gibt unfassbar viele Leute, die rum rennen und sagen: die Welt geht zum Teufel, alles ist schlecht und ich hab recht. Und das ist einfach nicht nur unangenehm, das ist reaktionär und daraus entstehen ganz viele der Probleme, die wir heute haben – mit dem Populismus, mit diesem Aufgeben der Zukunft, mit diesem Beklagen und Bejammern."

Weitere Informationen

Buchtipp

Matthias Horx: " Die Zukunft nach Corona - Wie eine Krise die Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert", Econ Verlag, 138 Seiten, 15 Euro.

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In seinem neuen Buch "Die Zukunft nach Corona" stellt Matthias Horx, der mit seiner Familie in einem sogenannten "Future Evolution House" am Stadtrand wohnt und dort mit neuen Technologien, Materialien und Energien experimentiert, Thesen auf, wie die Corona-Krise unser Denken und Handeln verändern und einen soziokulturellen Kulturwandel einleiten könnte. "Wir werden distanziertere Formen des Grüßens haben, dadurch aber vielleicht auch genauere Formen des Umgangs miteinander", erklärt Horx im Interview. Wir würden auch einen "Ekel" vor zu viel Nähe, zu viel Exzess und sich anbrüllenden Menschen zum Beispiel im Fußballstadion entwickeln, glaubt der Zukunftsforscher: "das wird verekelt, also es wird peinlich, bestimmte so spuckende, übergriffige Verhaltensformen."

Prinzip der heilenden Krise

Die Krise wird auch unser Urlaubsverhalten beeinflussen, glaubt der Zukunftsforscher. Denn die Krise lege "die erhitzten Sektoren" offen: Kreuzfahrten, Billigflieger, Ballermann oder Après-Ski-Partys in Ischgl, das sei alles überlaufen, überhitzt und nicht nachhaltig gewesen. „Also die Krise hat quasi die Exzesse, die Dekadenz markiert, in der unsere Reisesysteme immer schon drin sind und die These ist eben: das wird gekappt." Außerdem glaubt Horx, "dass die Ökologisierung der Gesellschaft durch die Krise beschleunigt wird." Denn vor Corona hätten alle über die Erderwärmung geschimpft und es sei nichts passiert, sagt der Zukunftsforscher: "Und jetzt haben wir im Grunde genommen erlebt, dass wir durch Veränderung unseres Verhaltens ganz schnell die CO2 Werte runterkriegen, das ist natürlich eine Aussage."

Die wichtigste Lehre, die er aus der Corona-Krise zieht? "Dass Beschleunigung ihren Preis hat", so Horx. Das Virus sei ja entstanden in der Verdichtung von Mensch und Tier und verbreitet worden durch einen "unfassbar effizienten Flugverkehr" rund um den Planeten. "Alles, was wir unentwegt beschleunigen, erzeugt letzten Endes eine Verlangsamung. Dasselbe ist im persönlichen Leben der Stress: wenn Sie sich in Ihrem Leben zuviel Stress zumuten, dann kriegen Sie einen Nervenzusammenbruch. Das ist das Prinzip der heilenden Krise."

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 11.06.2020, 19:35 Uhr

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