Melodie Michelberger

Sie schlief mit Maßband um den Bauch und hängte Kalorientabellen an die Wand: Melodie Michelberger hungerte sich als Teenager auf 45 Kilo herunter und fühlte sich immer noch zu dick. Heute tritt sie mit deutlich mehr Gewicht und wenig Kleidung vor die Kamera und kämpft dafür, dass die Begriffe "dick" und "fett" keine Schimpfwörter mehr sind.

Melodie Michelberger war erst zarte acht Jahre alt, als sie das erste Mal das Gefühl hatte, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimme. Zwar wusste sie auch vorher schon, dass sie etwas rundlicher war als andere Kinder in ihrer Klasse, doch bis dato störte sie das gar nicht.

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Melodie Michelberger
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Dann aber ging sie mit ihrer Mutter in ein Kaufhaus und sah einen herrlich bunten Volants-Rock, in den sie sich sofort verliebte. Doch Melodie durfte den Rock nicht kaufen. Ihre Mutter war der Ansicht, dass man mit ihrem breiten Hintern so ein Kleidungsstück nicht tragen könne.

Hungern für eine bessere Version von sich selbst

Ein Moment, den Melodie auch mit 44 Jahren noch sehr genau wiedergeben kann und der ihr Selbstbild als junges Mädchen ins Wanken bringt. Ab diesem Moment fängt Michelberger an, sich für die Diät-Zeitschriften ihrer Mutter und Tante zu interessieren. Sie sammelt sie und stellt Collagen zusammen, die sie über ihr Bett hängt: eine Mischung aus dünnen Models in schöner Kleidung, daneben Kalorientabellen, Essenstipps, Diäten. Ihr Vater nennt sie (vermutlich neckisch) „Nilpferd“ – ohne zu wissen, was er damit auslöst.

Eine Spirale, die sich verselbstständigt und die Michelberger über die Jahre immer weiter in eine Magersucht treibt. In der schlimmsten Zeit schläft sie mit einem Maßband um ihren Bauch herum, in der Hoffnung, am Morgen nach dem Aufwachen weniger Umfang auf ihrem Notizblock verzeichnen zu können. Zwischenzeitlich hungert sich das Mädchen auf 45 Kilogramm herunter, in der Hoffnung, dann endlich eine bessere Version von sich selbst werden zu können. Doch der Zeitpunkt, an dem sie sich selbst akzeptiert und dünn genug findet, kommt auch in dieser Zeit nie.

Begriffe umdeuten

Erst als Michelberger im Erwachsenenalter ein Burnout erleidet, löst sich langsam eine Blockade in ihrem Kopf. Mit Hilfe einer Therapie erkennt sie peu à peu, wie wenig Selbstliebe sie sich schon fast ihr ganzes Leben entgegengebracht hat.

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Buchtipp

"Body Politics"
Von Melodie Michelberger
Rowohlt Verlag

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Heute ist Melodie Michelberger 44 Jahre alt und nennt sich selbst Anti-Fatshaming-Aktivistin. Gerade hat sie das Buch "Body Politics" geschrieben, in dem sie ihre Geschichte und den langen Weg raus aus dem Diäten-Wahnsinn beschreibt. Darin redet sie ganz bewusst von "dicken_fetten Menschen", auch wenn beide Wörter momentan noch gesellschaftlich sehr negativ belastet seien. Es ist ihr Weg und der anderer Aktivistinnen und Aktivisten, diese Wörter in ihrem Sinne umzudeuten: als normale Beschreibung für Körperformen anstelle von beleidigenden Zuschreibungen.

Kampf gegen das Feindbild im Kopf

Auf Instagram folgen Michelberger über 45.000 Menschen. Regelmäßig postet die alleinerziehende Mutter dort Fotos – gerne auch leichtbekleidet. Noch immer erinnert sie sich an den Moment, als sie das erste Mal im Bikini vor die Kamera trat. Zunächst sei es eine große Überwindung gewesen, doch zusammen mit anderen Frauen mit den unterschiedlichsten Körperformen habe man beim Shooting dann ganz schnell jegliche Scham vergessen und sich gegenseitig bestärkt und Komplimente gemacht. Noch heute gibt ihr die Erinnerung daran ein gutes Gefühl.

Doch auch wenn Melodie Michelberger heute als Vorbild für andere Frauen mit dicken Körpern gilt, sagt sie: Noch immer habe sie die Abnehm-Spirale nicht komplett durchbrochen. Immer wieder erwischt sie sich dabei, wie sie doch wieder über ihren Körper und ihr Gewicht nachdenkt. Trotzdem hofft sie, einen Betrag dazu zu leisten, dass dicke Körper mehr Akzeptanz finden, sodass sich niemand mehr für seinen Körper schämen oder rechtfertigen muss.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 27.01.2021, 19:35 Uhr

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