Miriam Groß

Die Pfarrerin Miriam Groß war ziemlich froh, als sie erfahren hat, dass die USA einen neuen Präsidenten bekommen. Die evangelische Pfarrerin aus Franken lebt und arbeitet seit sechs Jahren in New York. Wie nimmt sie die USA wahr?

Samstag vor einer Woche. Es ist um die Mittagszeit in New York, als mehrere Fernsehsender melden: "Biden wins!" Joe Biden hat die Wahl gewonnen. Bei Miriam Groß sorgt das für Begeisterung. "Zusammen mit vielen anderen bin ich in Jubel ausgebrochen", erzählt Groß. Die Pfarrerin aus Franken geht zum Times Square und feiert mit. "Es waren sehr viele Leute da, man hat gefeiert, man hat gesungen, getanzt", erzählt sie. "Das war eine sehr gelöste Stimmung. Das hat mich unheimlich angesteckt in der Freude und auch der Erleichterung."

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Doch schnell wird auch Miriam Groß klar: Dieser Joe Biden wird es nicht leicht haben. "Er muss ja viel zusammenbringen, was in den letzten Jahren auseinandergegangen ist. Ob wir jetzt die Demokraten und Republikaner betrachten, die in ihren Polen immer weiter auseinandergehen oder ob wir gesellschaftliche Teile betrachten: Sei es arm und reich, seien es die Hautfarben – diese Pole müssen alle zusammenkommen", sagt die Pfarrerin. Joe Biden ist aus ihrer Sicht der richtige Mann dafür. Brücken bauen, Gräben überwinden, Versöhnen – damit kennt sich auch Miriam Groß gut aus. Als Pfarrerin ist das ja quasi immer Teil der Jobschreibung.

Als Polizeiseelsorgerin spürt sie Zerrissenheit

Was Miriam Groß von Joe Biden erwartet, das macht die 44-Jährige als Auslandspfarrerin nämlich jeden Tag selbst. Wenn Sie bei der Tafel Essen an nicht registrierte Einwanderer verteilt oder als ehrenamtliche Polizeiseelsorgerin beim NYPD arbeitet, der New Yorker Polizei. Dort spürt sie all die Zerrissenheit. Wenn ihr ein schwarzer Polizist von seinem Einsatz berichtet, als er die Black Lives Matter Demonstration beschützte und doch beschimpft wurde. Er habe Groß erzählt: "'Die Menschen sehen meine Hautfarbe gar nicht. Die sehen gar nicht, dass meine Familie unter dem systemischen Rassismus leidet. Die sehen nur meine Uniform und machen mich sofort zum Feind.'"

Miriam Groß hört zu und versucht zu vermitteln. Ein ausgleichendes Wesen braucht Miriam Groß auch als "Kirchendiplomatin". Denn sie vertritt die Evangelische Kirche in Deutschland bei den Vereinten Nationen und deutschsprachigen Generalkonsulaten. Das klingt nach großer, weiter Welt – ist es manchmal auch. Aber sie ist eben auch die ganz normale Gemeindepfarrerin von St Paul's. "Die Diplomatie ist natürlich nicht nur auf die UNO gerichtet. Sondern man ist als Pfarrerin jeweils in seinem eigenen Bereich auch ein interner Diplomat", erzählt Groß.

Kirchengemeinde digitalisiert

Der "interne Bereich", das sind etwa 200 Familien, die zur Gemeinde St. Paul's gehören: Deutsche, Deutschsprachige oder Deutschstämmige, verteilt über die drei US-Bundesstaaten New York, New Jersey, Connecticut. Die zusammenzuhalten war schon immer eine echte Herausforderung. Die Gemeinde hat Groß deshalb schon vor Corona digital aufgestellt. Und das dann ausgebaut. "Als im März die Situation bei uns sehr schwierig wurde, habe ich die ganze Gemeindearbeit digitalisiert. Und wir waren ganz schnell mit unseren Gottesdiensten und den anderen Bildungsangeboten im digitalen Raum."

Miriam Groß ist auf Zack, motiviert, lernt gerne dazu. Und so hat sie inzwischen auch die erste "hybride Trauung" absolviert. Das Brautpaar war in der Kirche in New York und die Festgesellschaft in aller Welt wurde per Videokonferenz dazugeholt. "Die Schweiz, Griechenland, Abu Dhabi – da konnten die Familien teilnehmen. Und sie konnten nicht nur die Trauung mitverfolgen, sondern sie konnten sie mitgestalten."

Sechs Jahre ist Groß nun schon mit ihrem Mann und vier Kindern in New York. Ein echter Traumjob sei das. Und doch vermisse sie natürlich manchmal die Heimat Mittelfranken. Spielt man Miriam Groß fränkische Blasmusik vor, löst das bei ihr Erinnerungen aus. An ihre Jugend und fränkische Weinfeste. "An Zeiten des Feierns und der Gemeinschaft. Ich hoffe, dass sie bald wiederkommen."

Sendung: hr-iNFO Das Interview, 13.11.2020, 19.35 Uhr

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