Mojib Latif

Noch können wir die globale Erderwärmung stoppen, sagt Klimaforscher Mojib Latif. Denn gerade die Corona-Krise biete die einmalige Chance, "zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen" und die Wende in der Klimapolitik zu schaffen. Ein Gespräch über Optimismus, Hass-Mails und neue Wege der Wissenschaftskommunikation.

Wenn man ihn fragt, was ihm an seiner Arbeit als Klimaforscher Spaß macht, dann erzählt Mojib Latif von seinem Arbeitsplatz am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung direkt an der Kieler Förde. Als "Hamburger Jung" ist er am Wasser aufgewachsen, liebt Häfen und Schiffe. Von seinem Kieler Büro aus könne er die großen "Pötte" vorbeifahren sehen und von sich behaupten, "einen der schönsten Arbeitsplätze der Welt" zu haben.

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Klimaforscher Mojib Latif
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Überhaupt keinen Spaß mache es aber, ständig von Klimaleugnern angefeindet zu werden, die ihm Beschimpfungen und Beleidigungen schicken. "Jeden Tag bekomme ich Zuschriften, wo ich diffamiert werde, wo behauptet wird, dass ich kein seriöser Wissenschaftler sei", erzählt Latif. Das müsse man als Klimaforscher wegstecken: "Es ist ein langer Kampf, das Klima zu retten und ich kann nur sagen: Wer nicht kämpft, der hat schon verloren."

"Einmalige Chance nicht nutzlos verstreichen lassen"

Der Meteorologe, Professor und Klimaforscher gehört zu denen, die seit vielen Jahren vor den Folgen des Klimawandels warnen und wissen: Man braucht einen langen Atem. Natürlich hätte in Sachen Klimaschutz vieles schneller laufen können, meint er, denn die Fakten liegen schon seit 30 Jahren auf dem Tisch. Aber wissenschaftliche Erkenntnis führe nicht unbedingt zum Handeln, schreibt er in seinem neuen Buch "Heißzeit".

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Buchtipp

"Heißzeit. Mit Vollgas in die Klimakatastrophe – und wie wir auf die Bremse treten"
Von Mojib Latif
Herder Verlag
20 Euro

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Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie groß der Effekt auf die Umwelt ist, wenn wir handeln und der Verkehr und die Industrie plötzlich runtergefahren werden: Dann sinkt sofort der Ausstoß an Treibhausgasen, die Städte melden bessere Luft und sogar Delfine wurden in italienischen Häfen gesichtet. Innerlich gejubelt habe er über die Corona-Krise aber nicht, sagt Latif, "denn die Pandemie ist eine globale Tragödie und der kann man überhaupt nichts Gutes abgewinnen. Und wir können ja jetzt nicht das Klima retten, indem wir die Wirtschaft gegen die Wand fahren."

Dennoch sieht er die Corona-Krise als große Chance für eine grundsätzliche Wende in der Klimapolitik und um rasch von fossilen Energien hin zu erneuerbaren Energien zu kommen: "Jetzt werden ja große Mengen Geld in die Hand genommen", so der Klimaforscher, "und jetzt haben wir eben die große Chance, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, das heißt also auf der einen Seite die Wirtschaft hochzufahren und auf der anderen Seite ambitionierten Klimaschutz zu betreiben. Und das wäre wirklich wichtig, diese einmalige Chance nicht nutzlos vorbeistreichen zu lassen."

Nicht mehr auf andere Länder warten

Mojib Latif, der sich als "hemmungslosen Optimisten" bezeichnet, sieht Deutschland dabei als Vorreiter: "Wir haben den Atomausstieg geschafft, wir steigen jetzt aus der Kohle aus, wir haben die erneuerbaren Energien hoch gebracht. Das ist schon alles ganz prima", findet er. Aber man müsse die nationale Ebene von der globalen Ebene trennen, da passiere eben noch viel zu wenig. In seinem Buch schreibt Latif gar: "Aus naturwissenschaftlicher Sicht existiert so gut wie kein Klimaschutz." Das Klima könne man nur schützen, wenn man die weltweiten Emissionen senke, sagt der Klimaforscher.

Zitat
„Aus naturwissenschaftlicher Sicht existiert so gut wie kein Klimaschutz.“ Zitat von Mojib Latif
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"Seit 1990 ist der globale CO2-Ausstoß aber um 60 Prozent gestiegen, in Deutschland ist er um fast 40 Prozent gesunken, deswegen sind wir in Deutschland auf einem guten Weg. Es nutzt aber nicht, wenn die anderen Länder nicht mitmachen." Die internationalen Klimakonferenzen hält Mojib deswegen für gescheitert und plädiert dafür, nicht mehr auf andere Länder zu warten, sondern eine "Koalition der Willigen" zu bilden, die den Klimaschutz wirklich anpacken wollen. Für eine ganz wichtige Stellschraube hält Latif die CO2-Bepreisung, die die Bundesregierung ab 2021 für die Bereiche Wärme und Verkehr beschlossen hat.

"Politiker bedienen Fake News"

Mojib Latif, der 1954 als Sohn pakistanischer Eltern in Hamburg geboren wurde und sich lange für "unpolitisch" hielt, sieht sich als Wissenschaftler in der Verantwortung, sich in die gesellschaftliche Debatte einzumischen: Er schreibt Bücher, gibt Interviews und sitzt in oft in Talkshows. Wenn man berechnet habe, "die Erde würde sich innerhalb der nächsten 100 Jahre um vier Grad erwärmen, was unfassbar wäre", sagt er, "dann kann ich das nicht für mich behalten und da muss ich auch die Dramatik deutlich machen." Wichtig sei es aber, Fakten nicht immer nur als negative Botschaften zu kommunizieren, sondern als Forscher auch Lösungen anzubieten.

Dass gerade Klimaforscher offenbar kein hohes Ansehen in der Bevölkerung genießen, macht ihm Sorge. Denn im Netz kursierten immer mehr Fake News und besonders schlimm sei, "dass Politiker dieser Fake News auch noch bedienen und selbst Lügen in die Welt setzen." Dieser Entwicklung müssten Wissenschaftler Einhalt gebieten. "Wenn wir das nicht tun", warnt Mojib Latif, "dann werden wir am Ende nicht nur den Kampf gegen die Klimakatastrophe verlieren, sondern wir werden auch unsere Freiheit, unsere Demokratie und unsere Menschenrechte verlieren."

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