Nancy Faeser vor Willy-Brandt-Porträt

Wie und mit welchen Themen motiviert man eine Partei, die im Bund bei 15 Prozent dümpelt? Darüber hat unser Landtagskorrespondent Christopher Plass mit Nancy Faeser gesprochen. Sie ist die neue Chefin der SPD-Landtagsfraktion in Hessen und will im November auch den Parteivorsitz übernehmen.

Wer Nancy Faesers Politikstil verstehen will, muss auf ihre Wurzeln blicken. Faeser sei nordrhein-westfälisch sozialisiert, erzählt sie. "Meine ganze Familie kommt aus Duisburg", deshalb pflege sie auch den pragmatischen Ansatz der nordrhein-westfälischen SPD. "Das ist eine andere SPD, als es die in Hessen ist." Dort war es immer wichtig, an der Seite der Arbeitnehmer*innen zu stehen: "Mein Opa war einfacher Arbeiter bei der Bahn; ich war die erste in der Familie, die studiert hat." Auch wenn sie selbst Juristin ist, habe sie dieser Arbeiterhintergrund immer geprägt.

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Nancy Faeser mit Christopher Plass
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Mit ihrem hessisch sozialisierten Vorgänger Thorsten Schäfer-Gümbel ist Nancy Faeser eng befreundet, beide verbindet ein großer Hang zur Gründlichkeit. Faeser liest nach eigenen Worten gerne Unterlagen, ist immer gut vorbereitet, findet aber oft den leichteren Zugang zu Themen als Schäfer-Gümbel. Sie spitzt gerne zu und hat schnell einen Draht zu den Leuten. Das habe sie sich beim Vater abgeschaut, der vom Niederrhein stammt. "Meine Erfahrung ist, dass man dann auch Offenheit von den Menschen zurückbekommt", sagt sie. Und sie pflegt als Frau einen kooperativen Führungsstil: "Ich versuche, die Menschen mitzunehmen und auch einzubinden."

"Frauen haben einen anderen Führungsstil"

Als weibliches Kontrastprogramm zur Männerriege der Union will sie sich aber nicht sehen. "Man muss kein weibliches Gegenmodell zur anderen Seite entwerfen", sagt Faeser. Aber Frauen hätten schon einen anderen Führungsstil, seien anders unterwegs in der Politik und redeten zum Beispiel nur dann, wenn sie was zu sagen haben.

Die Weichen für Faeser sind dennoch gestellt: Im November will sie auch den SPD-Parteivorsitz in Hessen übernehmen, die Spitzenkandidatur bei den Landtagswahlen 2024 wäre ein logischer Schritt. Die Fraktion gibt schon die Parole aus, dass sie die nächste Ministerpräsidentin in Hessen wird. Faeser selbst macht sich vor allem Gedanken darüber, welche Verantwortung in diesem neuen Führungsjob auf ihr lastet - jetzt, da ‚ihre‘ SPD insgesamt nicht gut dastehe. "Ich glaube, dass es gerade in diesen Tagen wichtig ist, mutig zu sein."

"Die fehlende Glaubwürdigkeit war unser Problem"

Die Länder haben bei der Gesamtaufstellung der SPD immer eine große Rolle gespielt, sagt Faeser. Sie könnten für Stabilität sorgen, seien näher dran an den Menschen und könnten leichter Vertrauen zurückgewinnen: "Die Menschen haben zum Teil das Vertrauen verloren und wir müssen hart darum kämpfen, das wiederzubekommen."

Faeser sieht Glaubwürdigkeitsprobleme in ihrer Partei zum Beispiel in der Wohnungsbau-Politik. Einerseits Wahlkampf damit machen, andererseits Wohnraum aus dem öffentlichen Bestand verkaufen - das gehe nicht zusammen. Und dafür hat Faeser sich stellvertretend für die SPD öffentlich entschuldigt. "Das war falsch, das würden wir so nie wieder machen."

Im Zweifel für die GroKo

Bundespolitisch gehört Faeser gehört zu denen, die keinen Bruch der Großen Koalition wollen. In der Regierung könne die SPD mehr für die Menschen bewirken: "Wenn ich die Grundrente durchkriege in einer Regierung, ist es doch besser, als wenn ich nicht an einer Regierung beteiligt bin."

Die neuen Vorsitzenden der SPD werden eine entscheidende Rolle dabei spielen, ob es mit der GroKo weitergeht. Eine klare Wahlempfehlung will Faeser aber nicht geben - nicht für den GroKo-Mann Olaf Scholz und auch nicht für Staatsminister Michael Roth, Faesers Vorgänger als Generalsekretär in Hessen. "Ich bin neu im Amt, ich will den Mitgliedern nicht vorschreiben, wen sie wählen sollen."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 4.9.2019, 19:35 Uhr

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