Olga Tschamkin

Das Corona-Jahr 2020 fühlt sich für Olga Tschamkin wie ein Marathonlauf in Schutzkleidung an, der einfach nicht enden will. Sie berichtet vom Überleben und Sterben mit COVID-19 auf ihrer Station und davon, was sie sich zu Weihnachten wünscht.

Schutzanzug, Schutzmaske, Schutzbrille, zwei Paar Handschuhe – das ist die Montur in der sich die 28-jährige Intensivschwester in der roten Zone um ihre COVID-Patienten kümmert: Lagern, Blutabnehmen, zum nächsten Patienten hetzen, Schwitzen, Rückenschmerzen. Drei bis vier Stunden trägt sie ihre Schutzkleidung, wenn es schlecht läuft auch mal acht Stunden.

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Zum Artikel Olga Tschamkin - Krankenschwester auf einer COVID-Intensivstation in Gelnhausen

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"Ich bin müde, ich habe Schmerzen, Schulter und Nacken sind verspannt. Und man kommt gefühlt nicht zur Ruhe. Auch wenn man nicht unbedingt am Patienten steht. Manchmal denkt man, man wird krank, hat Halsschmerzen. Oder ist es vielleicht doch Corona? Man versucht die Symptome richtig zu deuten. Und am Ende sind es gar keine Symptome. Es ist einfach nur Erschöpfung und man ist einfach nur fertig"

Famile und Freunde nur am Telefon

Schwer ist er derzeit, ihr Job, aber Olga Tschamkin macht ihn immer noch gerne. Sie ist Intensiv-Krankenpflegerin aus Überzeugung, seit sieben Jahren. Das gibt ihr die Kraft, die sie derzeit braucht. Die junge Frau arbeitet in einem Umfeld, das die meisten lieber garnicht erst betreten: "Wenn ich bei den Patienten in dem roten Bereich bin, dann höre ich viele Alarme. Die Beatmungsmaschinen alarmieren öfters. Und ich höre Atemgeräusche von den Patienten, Husten oder Niesen."

Die Angst, sich beim alltäglichen Umgang mit der Krankheit zu infizieren, ist da. Trotz aller Hygiene-Maßnahmen. Noch größer als sich selbst anzustecken ist für Olga Tschamkin aber die Sorge, andere zu infizieren. Die für sie logische Konsequenz: Private Kontakte einschränken: "Ich hab jetzt tatsächlich seit zwei Monaten keinen Kontakt gehabt zur Familie oder Freunden, außer telefonieren. Ich habe meine Arbeitskollegen. Man trifft sich auch nach der Arbeit und dann gehen wir eine Runde spazieren an der Luft. Und das nutzen wir im Moment"

Verarbeiten im gemeinsamen Gespräch

Wichtig, um sich auszutauschen, einfach mal zu erzählen, zuzuhören, Gemeinsamkeit zu haben. Zusammen mit denen, die eben auch beobachten, dass nicht alle Corona-Patienten überleben. Die wissen, wie es ist, wenn man einem Angehörigen in die Schutzkleidung hilft, damit der sich von einem Sterbenden verabschieden kann. Die wissen, dass sich all der Stress aber auch lohnen kann, wenn ein Mensch gerettet wird.

"Eine Dame fällt mir spontan ein. Sie hat auch ganz tapfer die Beatmungszeit durchgehalten mit einer Maske die auch sehr unangenehm ist, 24 Stunden am Tag mit nur zwei Minuten Trinkpause, das hat sie mehrere Tage durchgezogen und sie hat es jetzt geschafft, wir haben sie auf eine Normalstation verlegt."

Zuhause bleiben, für Gesellschaft und Krankenhäuser

Die Auslastung der Intensivstationen im Main-Kinzig-Kreis liegt am Tag des Interviews bei 89 Prozent. 18 Patienten liegen auf Olga Tschamkins Station. Die maximale Bettenzahl wäre 33. Das heißt aber nicht, dass die Klinik auch automatisch das Personal hätte, um diese 33 Intensivpatienten mit Fachkräften zu betreuen. Und es muss auch noch Behandlungskapazitäten für "normale" Intensivpatienten geben. Olga Tschamkin will niemandem vorschreiben, was er über Corona denkt, aber: "Es wäre schön, wenn er trotzdem zuhause bleibt, für den Rest der Gesellschaft und für die Krankenhäuser."

Weihnachten wird die junge Intensivschwester mit ihrem Partner verbringen, ob sie ihre Familie sehen kann, ist noch ungewiss. Ihr Weihnachtswunsch? Ein gutes Essen zuhause und "ein wenig Feenstaub und Glitzer" nach diesem Marathonjahr.

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 03.12.2020, 19:35 Uhr

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