Paul Maar

Mit 82 Jahren hat der Erfinder des "Sams" jetzt sein erstes Buch für Erwachsene geschrieben. Es handelt von seiner eigenen, vorwiegend düsteren Kindheit. Den Anstoß dazu haben eine Herzoperation und ein guter Rat gegeben.

Eigentlich mag es Paul Maar nicht, wenn er als "Sams-Erfinder" vorgestellt wird. Denn er habe ja auch mehr als 50 andere Kinderbücher geschrieben. Beklagen will er sich aber nicht: "Der Erfolg des Sams hat mir ein gutes Leben beschert, ich habe keine Sorgen, dass ich die Miete nicht zahlen kann", sagt Maar.

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Schon oft hatte er angekündigt, kein neues Sams-Buch mehr zu schreiben, doch nicht zuletzt die Briefe von Kindern hätten ihn immer wieder überzeugt, es doch zu tun. Gerade ist der zehnte Sams-Band erschienen ("Das Sams und der blaue Drache", Verlag Friedrich Oetinger). Obwohl sich das Sams seit dem ersten Buch von 1973 nicht verändert hat, begeistert es mit seinen Wortspielen und frechen Sprüchen immer wieder neue Generationen von Kindern - und das in aller Welt: "In Russland oder China scheint das Sams genauso anzukommen", weiß Maar, dessen Bücher in mehr als 40 Sprachen übersetzt werden.

Düstere eigene Kindheit

Jetzt hat er mit 82 Jahren zum ersten Mal einen Roman für Erwachsene geschrieben. Eine Herzoperation und ein guter Rat waren der Anstoß dazu: Die Operation sei ein "existenzieller Moment" gewesen, sagt Maar, "das hätte auch schief gehen können". Und der Literaturagent seines Sohns, der auch Schriftsteller ist, habe ihm empfohlen, einmal über seine eigene Kindheit zu schreiben. So könne er auch zeigen, wer hinter seinen literarischen Fantasiefiguren stehe. In den letzten 14 Tagen seiner Reha schrieb Paul Maar bereits die ersten 80 Seiten des Romans.

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Buchtipp

"Wie alles kam - Roman meiner Kindheit"
von Paul Maar
Verlag S. Fischer

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Es ist eine überwiegend düstere Kindheit, von der der 1937 in Schweinfurt geborene Maar da erzählt: der frühe Tod seiner Mutter, die Bombennächte im Bunker, die Flucht aufs Land, der erst abwesende und dann oft gewalttätige Vater, seine Außenseiter-Rolle in der Schule. Was ihm geholfen hat, das alles als Kind durchzustehen? "Das Lesen, die Flucht in die Welt der Märchen", sagt Maar. "Ein Buch über ein Kind, das geschlagen wird, hätte ich beiseite gelegt. Das hätte mir nichts gebracht, keinen Trost. Ich wünschte mir für mich auch so ein schönes Ende wie im Märchen."

Die Lust, Geschichten zu erfinden

Auch die Idee zu den Sams-Geschichten hat ihren Ursprung in der Kindheit von Paul Maar. Da gab es nämlich einen Angestellten im Betrieb seines Vaters, der zu Kindern sehr freundlich war, aber auch sehr angepasst und schüchtern, sodass er sich nie gewehrt hat gegen den oft ungerechten und groben Chef. Das Vorbild für die Figur des Herrn Taschenbier sei dieser Mann gewesen, sagt Maar: "Dem wollte ich eine Fantasiefigur zur Seite stellen, die all das verkörpert, was er nicht hat."

Der freundliche Angestellte des Vaters war es auch, der Paul Maars Talent für das Malen erkannte und ihm riet, an einer Kunstakademie zu studieren, was er später auch tat. Von der Künstlerkarriere habe ihn aber seine "Begabung fürs Schreiben und die Lust, Geschichten zu erfinden" abgehalten. Bei den meisten seiner Kinderbücher ist Paul Maar beides: Autor und Illustrator.

Oft entwickelt er die Figuren malend und zeichnend - so auch das Sams, das seine blauen Wunschpunkte im Gesicht durch einen Zufall bekam. Maar hatte - durch einen Telefonanruf abgelenkt - die blaue Farbe nicht aus dem Pinsel ausgewaschen, bevor er dem Sams Sommersprossen malte. Die wurden dann eben blau. Später bekamen sie dann auch noch die Zauberwirkung, Wünsche erfüllen zu können.

Schreiben als Rückzugsort und Kraftquelle

Seit einigen Jahren ist für den Maler und Schriftsteller Paul Maar noch eine weitere Rolle hinzugekommen. Seit bei seiner Frau Alzheimer diagnostiziert wurde, kümmert er sich zusammen mit einer seiner Töchter um ihre Pflege. Es sei ein "schmerzlicher Prozess", sagt er, zu sehen, wie seine Partnerin, mit der er über 60 Jahre zusammen ist, "abdriftet in ein Nirgendwo".

Wenn er dann Zeit finde, eine neue Geschichte zu erfinden, dann gebe ihm das Kraft. "Dass ich noch schreiben kann, ist mein Rückzugsort und meine Kraftquelle", sagt Maar. So wie früher in seiner Kindheit die Flucht in die Fantasiewelt der Märchen. "Da schließt sich plötzlich der Kreis." Und wie damals, so gelte auch heute, dass er den bedrückenden Alltag außen vor lasse: "In meine Kinderbücher darf der Alltag nicht einkehren."

Sendung: hr-iNFO "Das Interview", 26.8.2020, 19:35 Uhr

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